Interview mit ZDF-Unterhaltungsredakteur Dirk Quaschnowitz

50 Jahre "disco": "Ein Wiedersehen mit so manchem Minirock, Schalkragen und Pullunder"

13.02.2021 von SWYRL

133 Sendungen "disco" - Dirk Quaschnowitz vom ZDF hat sie sich vor zehn Jahren alle noch einmal angesehen und eine Best-Of-Sendung zusammengestellt.

Hautenge Schlaghosen, quietschgelbe Pullunder, superknappe Minis - das waren die Siebziger. Auch Boney M., ABBA, Uriah Heep und David Cassidy gehörten dazu. Und natürlich Ilja Richter und seine "disco", eine Musikshow, von der zwischen 1971 und 1982 insgesamt 133 Folgen über den Bildschirm liefen. Dr. Dirk Quaschnowitz, damals noch ein Kind, heute verantwortlicher Redakteur in der Hauptredaktion Show beim ZDF, muss bei der Zusammenstellung der "ZDF-Kultnacht - Das Beste aus 'disco", einen Heidenspaß gehabt haben. Im Interview spricht er über sein fünfstündiges Sammelsurium an Highlights, das anlässlich des 50-Jahre-Jubiläums der Kultshow, neu in HD-Sendequalität überarbeitet, wiederholt wird (Samstag, 13. Februar, 01.00 Uhr; Montag, 15. Februar, 02.10 Uhr, ZDF).

teleschau: Herr Quaschnowitz, was war neu, als "disco" am 13. Februar 1971 erstmals auf Sendung ging?

Dirk Quaschnowitz: Der Part des Moderators Ilja Richter, der sich dafür, wie er selbst einmal gesagt hat, eigens eine Rolle zurechtzimmerte. Er wollte nicht Batik tragen und nicht so aussehen wie die anderen Jugendlichen. Er war 18 Jahre alt, trug aber einen Anzug und wirkte so eigentlich wie ein Fremdkörper zwischen all den langhaarigen Rockstars und den Schlagersängern ... Erst sagte er brav: "Einen wunderschönen guten Abend, meine Damen und Herren!" Dann rief er: "Hallo Freunde!" Das entwickelte sich bald zur Marke. Dazu kamen die Sketche und Parodien, mit denen Ilja Richter der Show einen ganz besonderen Stempel aufdrückte. Die Verbindung von Musik und Comedy war damals etwas ganz Neues.

teleschau: Mit welcher Konsequenz?

Quaschnowitz: Die Sendung brachte Jung und Alt zusammen wie sonst keine. Die Oma freute sich auf Christian Anders und "Es fährt ein Zug nach nirgendwo", und die Teenies konnten bei Status Quo völlig ausflippen.

teleschau: Und Richter?

Quaschnowitz: Er war bald regelmäßig ganz groß in der "Bravo" - er war auf einmal ein absoluter Star. Weil er die Künstler, die alle nur aus dem Radio kannten, zum ersten Mal auf den Bildschirm brachte.

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"Vielen Dank, Mireille Mathieu, und hier kommen Rammstein!"

teleschau: Auch aus Übersee kamen die Musikgrößen ins "disco"-Studio. Was für ein logistischer und finanzieller Aufwand!

Quaschnowitz: Ja. Aber man darf nicht vergessen, dass die Musikindustrie das damals sehr unterstützte. Es gab zwei Sender, ARD und ZDF, und die "disco" war aufgrund ihres breiten Angebots bald die wichtigste Sendung zur Präsentation von Popmusik - neben dem "Beat-Club" im Ersten, der später zum "Musikladen" wurde. Die "disco" war zudem nicht so schlagerlastig wie die "Hitparade", nicht so gediegen wie "Musik ist Trumpf" und hatte nicht diese Gala-Anmutung der "Starparade", Sendungen, in die ein John Denver oder Boney M. noch ganz gut hineinpassten, aber Status Quo oder Golden Earring wären da nie aufgetreten. Das ging nur bei "disco" unter einen Hut.

teleschau: Was wäre, wenn man so etwas heute versuchen würde?

Quaschnowitz: Dann würde mich das ZDF wohl entlassen (lacht). Stellen Sie sich doch mal vor: Der Moderator würde sagen: "Vielen Dank, Mireille Mathieu, und hier kommen Rammstein!"

teleschau: Wobei die Genregrenzen heute fließend zu sein scheinen.

Quaschnowitz: Trotzdem sage ich, die Mitte ist schmaler geworden. Das hat mit dem streng formatierten Radioprogrammen zu tun und natürlich mit dem Videoclipfernsehen der letzten Jahrzehnte. Musik ist immer und überall individuell verfügbar. Im großen Stil kriegt man die Generation und ihre unterschiedlichen Musikgeschmäcker heute nicht mehr vereint.

teleschau: Gibt es nicht zumindest ein paar alte Fans aus der Ü-50-Generation, die bei Ihrer Redaktion Sturm laufen, um ein "disco"-Revival einzufordern?

Quaschnowitz: Es melden sich wirklich viele Leute aus dieser Generation - aber das sind eher die "verrückten Sammler", die viel Geld ausgeben, um an alte Bänder von Sendungen und Mitschnitte von Auftritten zu kommen.

teleschau: Also ist so ein Revival total abwegig?

Quaschnowitz: Da wäre schon allein die Figur des Moderators eine große Hürde. Thomas Gottschalk wäre vielleicht der Einzige, der bei Jung und Alt gleichermaßen Akzeptanz finden und für ein derart breitgefächertes Musikrepertoire glaubhaft stehen könnte.

teleschau: War Ilja Richter in die Zusammenstellung der "Kultnacht" eingebunden?

Quaschnowitz: Nein, das ist ein reines Archivmaterial-Programm - aber immerhin mit fast 100 Titeln, unverfälscht und in voller Länge. Ich hab mir den Luxus gegönnt, das alleine zu machen. Es ist ja auch bekannt, dass Ilja Richter zeitweise ein sehr gespaltenes Verhältnis zur "disco" hatte.

teleschau: Die Vorauswahl muss für Sie ein Riesenspaß gewesen sein ...

Quaschnowitz: Klar. Ich habe alles gesehen - und mir dabei fast ein bisschen die eigene Kindheit und Jugend zurückgeholt. Aber bei 133 Folgen und wer weiß wie vielen Eintagsfliegen sieht man natürlich nicht jeden Titel komplett ... Ich habe schon versucht, die für ihr Genre und die Epoche wichtigsten Künstler herauszufiltern. Dazu gibt es Moderationen, die kultverdächtigsten Sketche und auch Biografisches über Ilja Richter, unter anderem Ausschnitte aus einer "Kerner"-Talkshow vor 18 Jahren.

teleschau: Fans der Silvester-Kultnächte wissen ohnehin: Der Blick ins "disco"-Publikum ist oft mindestens genauso interessant wie der Auftritt ...

Quaschnowitz: Absolut richtig. Die Stars traten mitten im Publikum auf. Das heißt: Es wird ein Wiedersehen geben mit so manchem Minirock, Schalkragen und Pullunder (lacht).

Als ABBA noch nicht ABBA hießen

teleschau: Wissen Sie spontan, wer am 6. Januar 1973 auftrat?

Quaschnowitz: Oh ja, das waren ABBA, die damals noch gar nicht offiziell ABBA hießen ...

teleschau: Sie nannten sich "Agnetha, Björn, Benny & Anni-Frid" ...

Quaschnowitz: Wobei lustigerweise Agnetha gar nicht dabei war, sie war schwanger, weshalb man kurzerhand eine Freundin von Anni-Frid auf die Bühne stellte. Das spielte anscheinend keine große Rolle, weil in Deutschland eh noch kein Mensch wusste, wer die vier überhaupt sind. ABBA gehörten später zu den absoluten Stammgästen bei "disco", genau wie Boney M. oder am Ende auch Mireille Mathieu, zu der Ilja Richter offenbar eine besondere Affinität hatte.

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