Nazijäger - Reise in die Finsternis - So. 16.01. - ARD: 21.45 Uhr

Alle Täter haben nur "Befehle ausgeführt"

13.01.2022 von SWYRL/Wilfried Geldner

Das Dokudrama erzählt die schwere Arbeit der britischen Geheimdienst-Soldaten, die als "War Crime Investigation Unit" nach dem Krieg auszogen, um in der britischen Besatzungszone Nazitäter zu fassen und vor Gericht zu bringen. Aber auch letzte Überlebende, die Kinder von damals, kommen zu Wort.

Nach der Befreiung des norddeutschen Konzentrationslagers Bergen-Belsen bildeten die Briten angesichts der vorgefundenen Gräuel die "War Crime Investigation Unit", eine Gruppe von zunächst nur wenigen emigrierten Soldaten jüdischer Herkunft. Sie fahndeten nach SS-Schergen, KZ-Kommandanten und NS-Ärzten. Von ihnen erzählt der sehenswerte Dokumentarfilm "Nazijäger - Reise in die Finsternis", der nun erstmals im TV gezeigt wird.

Den Mördern ihre Taten zu beweisen, ist nicht leicht. Es gilt, Zeugen zu finden und dabei die eigene Wut zu zügeln. Der von ihnen aufgespürte Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß will sich der Strafe bis zuletzt durch eine falsche Identität entziehen. Andere plädieren auf Unschuld, sie hätten, so sagen sie immer wieder, "nur Befehle ausgeführt". Besonders schwer wird der Nachweis des Tötens im Fall eines NS-Arztes, der in Neuengamme bei Hamburg 20 Kinder zu Tode spritzte. Den Kindern widmet sich der Film von Grimme-Preisträger Raymond Ley ausführlich auf mehreren Erinnerungsebenen in Spielszenen und Dokumenten.

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Die Kinder von Neuengamme

Das macht es dem Betrachter nicht leicht. Beides ist schließlich weitgehend unbekannt geblieben: die schwierige Arbeit der Briten, deren Chef angesichts der Gräueltaten einmal sagt: "Hier gibt es keine gerechte Strafe. Tut mir leid!" Andererseits zeigt die Dokufiction - die auf tatsächlichen Protokollen beruht -, wie es den Kindern aus aller Herren Ländern erging, die kurz vor Kriegsende unter dem Vorwand, ihre Mütter zu sehen, von Auschwitz nach Hamburg-Neuengamme verbracht wurden, um dort von einem SS-Arzt getötet zu werden. Die Lügen, die intensiven Spielszenen der Kinder, die Beruhigungsversuche eines gut meinenden Helfers, gehen ohne Frage unter die Haut.

Begleitet werden diese Szenen immer wieder von zwei heute über 80-jährigen Frauen aus Fiume (heute Rijeka), die Auschwitz überlebten, während ihr kleiner Cousin Anda mit einem Kindertransport nach Neuengamme kam. Es ist die Nähe der betagten Zeitzeugen zu den Kindern von gestern, die den Film zu einem Mahnmal wider das Vergessen machen. Hier gehen die Spielszenen der Kinder und die heutigen Besuche der Tatorte in den Konzentrationslagern wirklich zusammen.

Dass es dagegen schwerer fällt, den Gefühlen der britischen Nazijäger zu folgen, dürfte an den wahren Protokollen liegen, denen die Doku folgt. Anton Walter Freud, ein Enkel Sigmund Freuds (mit dem er emigrierte), und Hanns Alexander, ein weiterer Nazijäger der Briten, hatten jeweils verschiedene Verhör- und Investigationsmethoden. Freud wollte Gerechtigkeit, nicht Rache. Er war durch geschickte Zeugenbeschaffung den Verhörten stets einen Schritt voraus. So konnte er etwa den Hamburger Zyklon B-Hersteller Bruno Tesch ebenso überführen wie den SS-Arzt und Kindermörder Dr. Trzebinski. Hanns Alexander hingegen war von verständlicher Wut geprägt, etwa angesichts des sich verleugnenden Rudolf Höß.

Die Arbeit der Investigation Unit wäre sicher einen eigenen Film wert gewesen. Es war ja nicht leicht, vom eigenen Land unterstützt zu werden, denn es sollte zunächst nur um Kriegsverbrechen gehen, und die Suche mit einer folgenden Verurteilung kostete Geld und Material. In gespielten Szenen wird beim Whisky dem Ärger Luft gemacht. "Nur jeder Zehnte wird vor Gericht gestellt", heißt es da. Am liebsten würde manch einer einfach töten. Zwischen gehorsamen NS-Tätern und einem Rächer, der über die Stränge schlägt, gibt es nur einen schmalen Grat.

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