Schatten der Mörder - Shadowplay - Fr. 30.10. - ZDF: 20.15 Uhr

Berlin 1946, ein Horrorszenario

23.10.2020 von SWYRL

Vier Primetime-Abende in Folge füllt die internationale ZDF-Miniserie aus dem zerstörten Berlin des Sommers 1946. Sie vereint Elemente von Krimi, Kriegsdrama und Splatterfilm. Nina Hoss, Sebastian Koch, Mala Emde und US-Stars wie Taylor Kitsch und Michael C. Hall zieren die Besetzungsliste.

Als Filmemacher Mȧns Mȧrlind vor ein paar Jahren mit seiner Familie eine Berlinreise unternahm, entdeckte er an der Wand eines Restaurants Zeichnungen der bösartigen Wilhelm Busch-Geschichte "Max und Moritz". Bald erfuhr der auch international tätige Schwede ("Underworld: Awakening"), dass es sich dabei um das wohl erste Comic überhaupt handelte und dass diese Kinder laut Erzählung von 1865 bösartige Streiche in einem deutschen Dorf spielten. Von diesem Moment an hatte Mȧrlind, der schon länger eine Geschichte aus dem zerbombten Berlin direkt nach dem Zweiten Weltkrieg erzählen wollte, seine Story: Sein von ihm und Buddy Björn Stein verfilmtes Drehbuch erzählt von einem New Yorker Polizisten (Taylor Kitsch, "True Detective II"), der im kochend heißen Sommer 1946 eine Polizeieinheit in der kaputten ehemaligen Reichshauptstadt aufbauen soll.

Die Schüler des US-Cops sind Frauen und Waisenkinder, die sich zu einer mit Tischbeinen bewaffneten Bürgerwehr zusammengefunden haben - und die Anleitungen des amerikanischen Befreiers gerne aufgreifen. Bisherige Anführerin der Truppe war die Deutsche Elsie Garten (Nina Hoss), die dem US-Kollegen wertvolle Informationen über die Situation der Berliner in der deutschen Stunde Null liefert.

In der kaputten Stadt herrschen Hunger, Chaos und Verbrechen. An jeder Ecke passieren kleine Überfälle und Betrügereien, aber auch Vergewaltigungen und andere Schwerverbrechen. "Gefallene" Frauen wenden sich an den "Engelmacher". Ein von Sebastian Koch gespielter Arzt, der Schwangerschaften beendet, die behandelten Frauen als Gegenleistung jedoch für seine Untergrund-Armee verpflichtet. Die junge Karin Mann (Mala Emde) ist eines seiner Opfer. Doch auch der New Yorker Cop Max McLaughlin (Kitsch) verfolgt eine eigene Agenda: Nicht nur um zu helfen hat er sich nach Berlin versetzen lassen, sondern auch, um seinen vermissten Bruder Moritz zu finden - ein ehemaliger GI, der in Berlin als Nazi-Jäger unterwegs zu sein scheint.

Unter dem Kommando des zynischen US-Zonenbefehlshabers Tom Franklin (Michael C. Hall, "Six Feet Under") versucht Max McLaughlin das seltsame Trümmer-Chaos der in unterschiedliche Besatzungszonen unterteilten Stadt zu verstehen, Elsies Polizeitruppe zu unterstützen und eine Serie von Ritualmorden aufzuklären, hinter deren spektakulärer Inszenierung er seinen vermissten Bruder vermutet.

"Max und Moritz" durch die Augen des Horrorfans

Dass Bruder Moritz seine Todesinszenierungen im Stil der Wilhelm Busch-Streiche zur Schau stellt, ist die typische Idee eines Filmemachers, der an einer Staffel der schwedisch-dänischen Ausnahmeserie "Die Brücke" beteiligt war und sich auch sonst den düsteren Filmgenres im Grenzbereich zwischen Horror und Verbrechen verpflichtet fühlt. In Verbindung mit deutscher Nachkriegsgeschichte ergibt sich so eine seltsame Genre-Gemengelage und durchaus reizvolle Atmosphäre, auf die wohl keine rein deutsche Produktion kommen würde. Nun gut, einige Genre-Klischees hat die viermal 105 Minuten lange Produktion schon zu bieten. Ob man sie goutiert oder davon genervt ist, dürfte Geschmackssache sein. Auch wird nicht jeder Deutsche verstehen, wie man im Berlin jener Zeit eine aufwendig inszenierte Ritualmord-Serie platzieren kann, während die meisten Menschen damit beschäftigt waren, ein paar Essensreste zusammenzukratzen um nicht zu verhungern. Trotzdem, Film lebt ja auch von Entfremdung und der Behauptung neuer Zusammenhängen, um zu neuen ästhetischen Ufern und Erzählungen aufzubrechen.

Und die Besetzung dieses Schauerstücks, das auf ein international gerade sehr ausgeprägtes Interesse an Geschichten aus Berlin bauen kann, ist in der Tat exquisit. Traditionelle ZDF-Zuschauer, die ein reines Geschichtsdrama erwarten, könnten von der Düsternis dieser schwedischen, vom US-Genrekino geprägten Deutschland-Fantasie etwas abgestoßen sein. Wer mit schreckensgeweiteten, aber lustvollen offenen Augen zuschaut, dürfte sich dagegen gut unterhalten fühlen. In der ZDF-Mediathek ist die Miniserie mit acht Kurzfolgen ab Freitag, 30. Oktober, 10.00 Uhr, abrufbar.


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