Makler-Doku auf Netflix

Das krasse Leben der Reichen und Schönen: "Selling Sunset" ist die Mutter aller Hochglanz-Dokus

24.11.2021 von SWYRL/Frank Rauscher

Mehr Lifestyle und Glamour geht nicht: Die Netflix-Serie "Selling Sunset" lässt den finanziell eher mittelprächtig ausgestatteten Zuschauer staunen und schaudern zugleich. Hochglanz bis zur Schmerzgrenze - aber Millionen Fans weltweit wissen, dass es nicht so leicht ist, wegzuschauen.

Hand drauf: Amerika war, ist und bleibt das Land der Dealmaker. Auch wenn der vermeintlich größte Dealmaker aller Zeiten jetzt nicht mehr im Weißen Haus sitzt, gilt in Übersee die alte Devise: Wer sich aufs Verhandeln versteht und gute Abschlüsse macht, ist erfolgreich. Und Erfolg ist sexy, dem Erfolgreichen gehört die Welt. Jeder kann es schaffen - genau wie ein jeder scheitern und flott nach unten durchgereicht werden kann. So ist das im Land of the Free, wo sich, mehr als sonst irgendwo, eine Gesellschaft auf dieser Basis definiert und sich mit den unbegrenzten Möglichkeiten ebenso zu arrangieren weiß wie mit gewaltigen sozialen Unterschieden.

Aber hier geht der Blick mal nicht ans untere Ende der Fahnenstange, sondern nach oben: Es wird zum Sehen, Staunen, Begehren animiert. Es geht um Luxus, Geld und Lifestyle, um Big Deals und die Party danach - und um ein exklusives Kapitel Hochglanzfernsehen, das süchtig oder neidisch machen kann - oder beides zugleich. Jedenfalls ist "Selling Sunset" unverfroren genug angelegt, das Verlangen nach einem Lebensstil zu schüren, den es gar nicht gibt. Am 24. November bringt Netflix die auch hierzulande von vielen Dokusoap-Fans und anderen Voyeuren sehnsüchtig erwartete vierte Staffel an der Start.

Jeder gute Dealmaker weiß: Sex sells! Und zum Einmaleins eines Fernsehmachers gehört die Weisheit, dass es nichts Faszinierenderes gibt als das nackte Grauen. Die Netflix-Dokuserie "Selling Sunset" besteht aus genau diesen Grund-Ingredienzien. Sie ist sehr heiß und sehr furchtbar - also geradewegs so schlimm, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Wer auf Netflix schon den Hype um den "Tiger King" (auf Deutsch: "Großkatzen und ihre Raubtiere", aktuell in der zweiten Staffel) in vollen Zügen mitnimmt, wird wissen, welche Sogwirkung so ein perfides Stück Fernsehen haben kann.

Auch "Selling Sunset" versteht sich als "Character-driven" Dokutainment. Die Serie bedient mit unverschämt nahen Kameraeinstellungen die gleiche Lust am Voyeurismus, ist aber der glamouröse, kompromisslos auf Hochglanz getrimmte Gegenentwurf zum prolligen "Tiger King"-Universum. Hier schaut man als guter deutscher Mittelklasse-Zuschauer nicht nach unten, wenn man die Protagonisten verfolgt und über ihr erstaunliches Tun den Kopf schüttelt. Der Fokus ist auf ein paar aufgedonnerte Westküstenladys gerichtet, die nichts mit den texanischen Raubkatzenfreunden gemein haben. Das Tiger-Motiv findet sich allenfalls als Animalprint auf Zwölfzentimeter-High Heels oder auf den hautengen Kleidchen der Protagonistinnen, die ab und an eben auch ihre Krallen ausfahren, denn so charming die Ladys auch sind, die Toughness gehört zum Business.

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Es geht fast beiläufig um Millionensummen und Traumimmobilien

Die gescriptete Doku hebt sowohl die Vorstellung von Reality-TV als auch die des gepflegten Geschäftemachens nach amerikanischer Prägung auf eine neue Ebene: Unter kalifornischer Sonne geht es im Stakkato fast beiläufig um Millionensummen und Traumimmobilien. Hier kommen die Dealmakerinnen in aller Regel in Ferrari und Designer-Kleid, auf langen Beinen und extra-gefährlichen Louboutins daher. Gegen diese illustre Truppe von Maklerinnen und ihren zum Verkauf stehenden Objekten sah es selbst in den hochkarätigsten Folgen der einst hierzulande erfolgreichen Variante "Mieten, kaufen, wohnen" auf VOX aus wie in einer Hartz-IV-Doku.

Chrishell Stause, Christine Quinn, Maya Vander, Mary Fitzgerald und Heather Young, dazu ab sofort die beiden Neuen, Vanessa Villela und Emma Hernan: So heißen die Prinzessinnen von Bel Air - allesamt Maklerinnen der real existierenden "Oppenheim Group", auf deren Homepage die Damen als Ansprechpartnerinnen für exklusivste Immobilien, vornehmlich in den Hanglagen um Hollywood, zu finden sind. Ja, es gibt sie - natürlich ist man bei so einem ungeheuerlichen Glamourfaktor skeptisch. Doch was können die Ladys dafür, dass sie - wie die meisten ihrer Objekte - eigentlich zu gut aussehen, um wahr zu sein. Jedenfalls halten sie sich in "Selling Sunset" mit nichts auf, was unter ihrem Niveau ist: Alles ist mindestens "gorgeous", nur wenig ist echt.

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Reales Geschäftsleben - oder nur eine Vorstellung davon?

So gestelzt ihre geschäftigen Auftritte im Businessmodus wirken, so gekünstelt und oberflächlich geht es im Privaten weiter. Wenn man im Club der ehemaligen Models oder Schauspielerinnen unter sich ist, ist der Kommentar: "Oh my Gosh!" die mit Abstand gebräuchlichste Formulierung. Gespeist wird - wenn nicht gerade irgendwo eine Party im kalifornischen High-End-Ambiente steigt - in lässigen Lokalen. Dann gibt es vereinzelte Gabeln von Salatvariationen mit Mango, solche Dinge. Mehr ist bei diesen Bodys nicht drin. Wichtig ist weniger, was auf den Teller kommt, sondern schon eher, was im Glas ist: Die gepflegten Damen bechern in den edelsten Designer-Bars Hollywoods schon untertags ordentlich was weg. Auf dass die Zunge locker sitzt und die Tränchen schneller fließen.

Rund um Alltagsproblemchen, Stress mit Männern, Party-Gästelisten und - ein großes Thema auch dieser Staffel! - Hochzeitsplanungen, entwickelt sich ein pseudopsychologisches Zickengemetzel, gegen das jede "Bachelor"-Staffel ein Streichelzoo ist. Nach vorne gibt man sich als Busenfreundin, hintenrum zofft man sich um Provision und hierarchische Stellung. So ist das wohl, wenn es nur noch um Deals und Looks geht. Was nicht passt, wird passend gemacht: Die Maklerinnen stecken Unsummen in die verkaufsträchtige Präsentation ihrer Immobilien, und man ahnt, dass sie kaum weniger Aufwand für die Perfektion des eigenen Erscheinungsbildes betreiben. Was diese Damen hier vorführen, ist viel mehr Lifestyle als Leben. Aber es ist atemberaubend.

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Wer hat's erfunden? - Ein alter Bekannter!

Wer sich fragt, wie ernst das Ganze zu nehmen ist, ist schon im Ansatz auf der falschen Fährte. Hier geht es nicht um den vordergründigen Wahrheitsgehalt, sondern darum, Emotionen, Sehnsüchte, gewiss auch Sozialneid beim Zuschauer zu evozieren und ihn mit maximalem Schauwert-Einsatz bei der Stange zu halten. Möge das Publikum ins Geschehen hineinfantasieren, was immer es will. Fakt ist, diese glamourösen Makler-Ladys existieren, und genauso gibt es tausende Luxusbuden mit einem Wert im zweistelligen Millionenbereich im Großraum L.A. Der Realitätsbezug macht fraglos einen Teil des Reizes aus.

Diese Chrishells, Christines und Marys sind sowieso längst alles auf einmal: Maklerinnen, TV-Starlets und Social-Media-Gigantinnen mit aberwitzigen Followerzahlen auf Instagram. In "Selling Sunset" verwischen die Grenzen zwischen realem Leben und Fantasie auf durchaus kunstvolle Art zu einer neuen Wirklichkeit. Das Leben dieser Immobilienmaklerinnen ist das Leben von Top-Influencerinnen. Sie sitzen in TV-Shows und bieten Stoff für die einschlägigen Gazetten in Übersee. Jede einzelne der betörenden Business-Ladys ist zur Marke geworden. Chapeau!

Erfunden hat das Ganze einer, der sich mit dieser Sorte Reality-TV auskennt. Produzent Adam DiVello schickte vor 15 Jahren die MTV-Serie "The Hills" aus Los Angeles um die Welt - eine Pseudo-Doku, die man wie "Selling Sunset" getrost als seicht abtun darf, und doch kam man als guter Mittzwanziger seinerzeit kaum daran vorbei. "Selling Sunset", schon verschiedentlich als "The Hills' für Erwachsene" tituliert, ist nun eine krasse Weiterentwicklung des Prinzips, die - schiebt man die absurde Frage, wie echt das alles ist, mal beiseite - bei aller Attraktion einen ungeschönten Blick auf Teile der US-amerikanischen Businesswelt und ein zumindest diskussionswürdiges Frauenbild freigibt.

Hier sind alle attraktiv, gertenschlank, alle geben sich hochprofessionell, sie sind im Sinne eines guten Deals stets flirtbereit und auf eine seltsame Art prüde zugleich - und fast alle dieser Reichen und Schönen in L.A. sind weiß (vielleicht hievt Netflix deshalb am 15. Dezember unter dem Titel "Selling Tampa" den ersten Ableger ins Portfolio: In Florida treiben kurioserweise ausschließlich schwarze Maklerinnen ihr Unwesen).

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"So what!", würden gute Amerikaner sagen

Auch wenn die eigentlichen Geschäftsmethoden in "Selling Sunset" gar nicht näher beleuchtet werden, ist klar: Um ans große Geld zu gelangen, tun schöne Menschen auch mal Unschönes. Sexy zu sein, das gehört in jener Welt augenscheinlich ebenso zum Geschäftserfolg wie Ehrgeiz, Kälte und, wenn es drauf ankommt, Gnadenlosigkeit. Aber wofür das alles? - Das ist die Frage, die den staunenden Zuschauer unentwegt beschäftigt. Wo liegt der tiefere Sinn dieses Festivals der Statussymbole? Und was sind das eigentlich für Karriereträume, die hier verwirklicht respektive geschürt werden sollen?

Dass die vordergründig extrem selbstbestimmt auftretenden Ladys zwei männlichen Firmenbossen, den 1977 geborenen Zwillingen Brett und Jason Oppenheim, wie freie Mitarbeiterinnen auf selbstständiger Basis unterstellt sind, spricht Bände. Die Chefs geben sich cool, sie sind all ihren Mitarbeiterinnen freundschaftlich verbunden. Im Büro wird ziemlich viel gekichert, auf dass die schneeweißen Zahnreihen um die Wette strahlen. Das ganze Spiel ist oft genug zum Fremdschämen, aber eben auch lustig und höchst unterhaltsam, gerade weil der Ton immer wieder von einem Augenblick auf den anderen sehr ernst wird. Da ahnt man allerdings, was für ein knallhartes Geschäftsverhältnis sich dahinter wirklich verbirgt.

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Egomanie kann sexy sein

So what, würden gute Amerikaner an dieser Stelle wohl entgegnen, that's Business! Wir sagen: Selbst schuld, wem beim Wort "Dealmaker" nichts Originelleres einfällt als Donald J. Trump. "America first", lautete dessen Credo, das "Selling Sunset" auf das Wirken von ein paar hochattraktiven Individuen im Haifischbecken der US-amerikanischen Hochglanz-Geschäftswelt runterbricht. Hier heißt es: "Me first!"

Was am Ende hängenbleibt: Egomanie kann verdammt sexy sein. Und die Erkenntnis, dass man das Suchtpotenzial von gut gemachtem Fernsehen erst dann erkennt, wenn es zu spät ist. Eskapismus auf höchstem Niveau!

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