37°: Was haben wir nur falsch gemacht? Eltern von Straßenkindern - Di. 18.01. - ZDF: 22.35 Uhr

"Die Straße gewinnt immer"

15.01.2022 von SWYRL/Eric Leimann

Die "37°"-Reportage begleitet Eltern, deren Kinder auf der Straße lebten oder noch dort leben. Alle kamen aus gutem Haus. Die Erwachsenen zermübt die Frage, was sie nur falsch gemacht haben. Findet der Film Antworten?

Ein paar Tage auf der Straße verändern ein Kind mehr als mehrere Jahre liebevolle, gut bürgerliche Erziehung. Die 57-jährige Janne, eine reflektierte und offene Frau, scheint einen wahren Horror vor der Straße zu haben. "Die Straße gewinnt immer", sagt die Richterin in der "37°"-Reportage "Was haben wir nur falsch gemacht? Eltern von Straßenkindern".

Die Paare Janne und Ingo, Heike und Rajco sowie Gesine mit ihrem Mann, der im Film nicht auftreten will, haben eines gemeinsam: Sie gaben, nach eigener Einschätzung, ihr Bestes für ihre Kinder. Und trotzdem sind diese von zu Hause weggelaufen, um auf der Straße zu leben, abhängig von Drogen. Als es losging, waren sie zwischen 13 und 15 Jahre alt. Die Berliner "37°"-Autorin Silvia Kaiser hat einen Film über die drei Familien gemacht, der viel von Sorge, Schmerz und Ohnmacht erzählt.

Die Protagonisten sind im Sinne des bürgerlichen Narrativs gut gewählt. Da ist das gut situierte Paar Janne und Ingo, die in einem der guten und grünen Stadtteile Berlins zu Hause sind. Janne hat zwei mittlerweile studierende Kinder aus einer früheren Beziehung mit in die Ehe gebracht. Dann kam die gemeinsame Tochter Amelie zur Welt. Zu ihr besteht kein Kontakt, was die Eltern, die äußerlich wirken, als seien sie einem jener Werbespots entsprungen, die eine geniale Altersvorsorge für Best Ager bewirbt, nachvollziehbar zermürbt. Vater Ingo reitet im Film zwei Pferde spazieren, er verbringt viel Zeit im Reitstall. Ruby, Amelies Pferd, bleibt auf jeden Fall, sagt Ingo. "Damit Amelie zurückkehren kann."

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"Du sollst etwas sein, was ich möchte, dass du bist"

Auch Gesine, die im Berliner Umland lebt, hat drei Kinder. Anders als bei Janne ist das "Problemkind" jedoch das älteste. Die Sorgen um Marie fingen so an, dass die Jugendliche immer später nach Hause kam, sich immer weniger an Regeln hielt und schließlich ihren Drogenkonsum zugab. Anders als bei Janne und Ingo haben die Eltern Kontakt zu Marie, die nach einer Zeit in der Wohngruppe nun wieder nach Hause zurückkehrt, was der Film dezent einfängt: Gesicht und Stimme des Mädchens, dessen eigene Gedanken zur Situation von einer Sprecherin nacherzählt werden, bleiben verborgen. Gesine hat verstanden, dass sie ihrer Tochter zu viele Regeln auferlegt haben. Die Mutter arbeitet als Personalerin bei einer Umwelt-Organisation.

Gerade gut ausgebildete Eltern ohne finanzielle oder andere existenzielle Sorgen stehen unter Generalverdacht, wenn es um die Frage geht, warum ihre Kinder auf der Straße leben. Die müssen doch etwas falsch gemacht haben, denkt man - oder?

40.000 Straßenkinder gibt es schätzungsweise in Deutschland. Manche von ihnen kommen aus wohlhabenden Elternhäusern - wie in den beschriebenen Fällen. Heike, Gesine und Janne haben sich in Selbsthilfegruppen organisiert, um sich gegenseitig zu unterstützen. Hilfe von außen gibt es kaum. Besonders aktiv in der Selbsthilfegruppe ist Heike. Sie und ihr Mann Rajco vermissen Tim, ihren einzigen Sohn. Auch er wuchs in gutbürgerlichen Verhältnissen auf, mit schönem großem Jugendzimmer im ersten Stock des Eigenheims. "Es ist eine ganz große Sehnsucht da, nach meinem Kind", sagt Heike. "So wie ganz extremer Liebeskummer."

Zu viel Druck und zu wenig Liebe?

Wie viele "37°"-Filme ist auch dieser vor allem dazu da, Fragen zu stellen. Doch jene, die in diesem Film gestellt werden, sind noch schwerer zu beantworten als die vieler anderer Reportagen. Hat es die Kinder zufällig getroffen? Oder hat man doch etwas Grundlegendes falsch gemacht? Zwei mögliche Antworten, die für Eltern beide schwer zu ertragen sind. In einer taffsten Szenen des Films setzt sich die furchtlose Richterin Janne in Berlin mit jungen Leute zum Diskutieren hin, die offensichtlich ebenfalls auf der Straße leben. Sogar hier findet sich ein eloquenter junger Mann, der der Mutter vorwirft, sie habe vielleicht zu viel Druck ausgeübt und zu wenig Liebe gegeben.

Ein Streetworker, der die Szenen rund um den "Alex" wohl kennt, führt ins Feld, dass der Erfolgsdruck, den die Eltern auf die Kinder projizieren, ein Grund sein könnte. "Du sollst etwas sein, was ich möchte, dass du bist", sagt er über die Idee, die viele Eltern von ihren Kindern im Kopf haben. Es bleibt der einzige, fast schon isolierte Erklärungsansatz in einer Reportage, mit deren offenen Fragen nicht nur die betroffenen Eltern leben müssen.

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