"Tatort"-Check

Freie Liebe im Münster-"Tatort": Was ist eigentlich Polyamorie?

02.05.2021 von SWYRL/Maximilian Haase

Alpakas, Trommeln und freie Liebe: Der Münsteraner "Tatort: Rhythm and Love" führte die Ermittler ins polyamoröse Umfeld eines alternativen Bauwagenplatzes. So wie Thiel und Boerne fragte sich so mancher: Was ist das eigentlich, Polyamorie?

Alternative Lebensmodelle zeigt der "Tatort" gern. Oft als verruchte Sehnsuchtsfantasie, manchmal unmoralisch deviant, bisweilen augenzwinkernd. Zuletzt schickte Dietrich Brüggemann die Stuttgarter Kommissare in ein spießiges Hausprojekt in der schwäbischen Ökoblase; herauskam immerhin eine wohlwollende Persiflage. Einen Hippie-Gang zu legte nun der aktuelle Münster-"Tatort": Thiel (Axel Prahl) und Boerne (Jan Josef Liefers) verschlug es unter dem Titel "Rhythm and Love" auf einen Aussteiger-Hof samt Bauwagenplatz - eine Parallelwelt, in der nicht nur dem Gemüseanbau, sondern auch der freien Liebe gefrönt wurde. Wie schwer es sich in polyamorösen Beziehungskonstrukten ermittelt, mussten die Ermittler in dem charmanten Krimi ebenso lernen wie die Bedeutung des Konzepts Polyamorie. Auch so mancher Zuschauer fragte sich: Was ist das eigentlich?

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Worum ging es?

Es begann wie so oft mit einer Leiche: Ohne Kleidung oder sonstige Besitztümer lag ein toter Mann in einem Moorgebiet. Professor Boerne gab alles und fand alsbald die Identität des Mordopfers heraus: Maik Koslowski der Name, seines Zeichens Aktmodell und Selbstversorger auf dem Erlen-Hof, wo sich ein paar freakige Aussteiger ein alternatives Hippie-Eldorado geschaffen hatten. Bauwagen, Alpakas, Rastas, Federn im Haar: Hier stimmte jedes Klischee. Vor Ort fanden die Ermittler nicht nur heraus, dass Koslowski Seminare zu Themen wie "Sexualität und Tantra" oder "Trommeln und Ekstase" gab, sondern dergestalt auch privat aktiv war: Das Opfer hatte vier Liebesbeziehungen gleichzeitig geführt, unter anderem ausgerechnet mit dem verheirateten Polizeisprecher Johannes Hagen (August Wittgenstein), der direkt ins Visier geriet. Bei all den polyamorösen Beziehungsgeflechten ließ es sich nur schwer ermitteln.

Was ist denn nun diese Polyamorie?

Inès Fournier (Maëlle Giovanetti), eine der Liebschaften des Opfers, erklärte, was es mit der Polyamorie so auf sich hat. Wer die klassische Zweierbeziehung für den Goldstandard hält, wurde hier eines Besseren belehrt: "Monogamie ist unnatürlich", sagte sie - nur eine Erfindung der katholischen Kirche. Dementgegen führen polyamor lebende Menschen mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig - und das mit dem Wissen und Einverständnis aller Beteiligten. "Alles einvernehmlich und verbindlich", kommentierte Fournier. Denn: Die Partnerschaften basieren auf Langfristigkeit, gegenseitigem Vertrauen und offener Kommunikation.

Nach Christian Rüter, der sich der Geschichte der Polyamorie widmete, gibt es vier entscheidende Merkmale: Ehrlichkeit/Transparenz, Gleichberechtigung/Konsens, langfristige Orientierung sowie erotische Liebe mit mehr als einer Person über einen bestimmten Zeitraum hinweg. Daher unterscheiden sich polyamoröse Liebesmodelle einerseits von der meist auf Sexualität konzentrierten "freien Liebe", andererseits auch vom oft patriarchal geprägten Konzept der Polygamie, in dem vor allem Männer mehrere Ehen führen.

Was hielten die Ermittler davon?

"Sie wissen schon, dass Eifersucht eines der häufigsten Mordmotive ist", ließ Thiel seiner Skepsis am Polyamorie-Konzept freien Lauf. Frau Fournier erklärte abermals: "Bei uns war niemand eifersüchtig. Und wenn doch, dann haben wir das besprochen und geklärt". Klingt ja schön einfach, erwiderte Thiel spöttisch. "Ich habe nie behauptet, das es einfach wäre", so Fournier, die wiederum Boerne zu verzaubern wusste.

Der erklärte, dass der Mensch "vermutlich bis ins Neolithikum hinein überhaupt nicht monogam lebte". Mit seiner hochgeschlossenen Art wirkte der Professor auf dem Hof erst wie ein Fremdkörper, zeigte dann aber durchaus Interesse: "Ich finde die Thematik ansprechend", signalisierte er, und meinte damit abstrakt die freie Liebe und konkret Inès Fournier, deren Trommelkurs er dann auch besuchte. Hier spielten die Münsteraner abermals aus, was sie am besten können - Slapstick im Krimi: "Ich bin die Note", sang Boerne trommelnd, und das war nicht die einzige Absonderlichkeit, mit der Liefers andere Charakterseiten seines Profs aufzeigte.

Warum zweifelten plötzlich alle an sich selbst?

Was war denn da los? Wohl erstmalig schienen Boerne im "Tatort" Selbstzweifel ob seiner Professionalität zu plagen: Ein Plagiatsvorwurf belastete sein Ego, eine Untersuchungskommission sollte prüfen, ob er bei seinem alten Kollegen abgeschrieben hatte. "Womöglich bin ich wegen meiner Inkompetenz nicht in der Lage, meine Inkompetenz zu erkennen", erklärte Boerne immerhin gewohnt besserwisserisch den Dunning-Kruger-Effekt. "Das nagt an ihm, und es ist mehr als nur Eitelkeit, die hier betroffen ist", kommentiert Jan Josef Liefers die Identitätskrise seiner Figur.

Als wäre das nicht genug, glaubte Boerne außerdem, zum ersten Mal eine Leiche mit seinen eigenen Haaren kontaminiert zu haben. Dass daran eigentlich seine Assistentin Silke "Alberich" Haller (ChrisTine Urspruch) Schuld und daher von Gewissensbissen geplagt war, wusste jedoch nur der Zuschauer, der sich heimlich über Boernes plötzliche Demut freute. Während die Assistenten Haller und Schrader (Björn Meyer), dessen sportliche Hochstapelei ebenfalls aufzufliegen drohte, sich gegenseitig mit Rum und Keksen Mut zusprachen ("Im Zweifel streiten wir alles ab"), schien sich auch Thiel diesmal nicht auf sein Gespür verlassen zu können. Ja, dieser kurzweilige "Tatort" war ein einziges Festival der Minderwertigkeitskomplexe.

Die Treue hielt sich lediglich Thiels "Vadder", der auf dem Hof für Aufklärung sorgen sollte: Mit Marihuana-Päckchen als Lockmittel ("Arbeitsmaterial") ging Herbert Thiel (Claus D. Clausnitzer) undercover auf Hinweissuche,

Und wer spielte eigentlich den ominösen Pfarrer?

Einen hübschen Auftritt hatte ein zwielichtiger Priester, der am Tatort gesichtet wurde: Kein Geringerer als Klaus Kinskis Sohn Nicolai spielte den Pfarrer Tobias Flügge, dem der Mord gebeichtet worden war. Aber ach, das Beichtgeheimnis: Verraten durfte er den Täter nicht, da konnte ihn der atheistische Thiel ("Ich muss ja nicht jeden Scheiß mitmachen, der in Münster gerade hip ist") im Beichtstuhl noch so unter Druck setzen. Am Ende kostete ihn das Beichtwissen trotzdem das Leben - erst erschlagen, dann vor den Zug geworfen.

Den vorgetäuschten Suizid hatte sich der Täter von einem seiner alten Fälle abgeschaut: Ex-Polizist Kurt Hagen (Peter Harting), der Vater des Polizeipressesprechers, entpuppte sich als Pfarrer-Mörder. Den störten nicht die polyamorösen Liebschaften seines Sohnes als solche, sondern dass es sich dabei um Männer handelte. "Homosexualität ist bei der Polizei noch ein schwieriges Thema", brachte es Thiel auf den Punkt. "Ein Polizist hat hetero zu sein", fasste das Weltbild auch Johannes Hagens Ehefrau (Patrycia Ziolkowska) zusammen. Da war es schon fast egal, dass auch sie eine Beziehung mit Maik Koslowski geführt und ihr Mann diesen aus, Achtung, Eifersucht getötet hatte.

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