Nocturnal Animals - Fr. 26.02. - 3sat: 22.25 Uhr

Schreiben als Waffe

19.02.2021 von SWYRL

Tom Ford inszeniert einen düsteren Thriller als Film im Film mit einem herausragenden Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle.

Nach seinem viel gelobten Spielfilmdebüt "A Single Man" (2009) wagte sich Regisseur, Autor und Modedesigner Tom Ford an einen Thriller, der sich auf drei Erzählebenen abspielt: die erste ist die Gegenwart, in der Galeristin Susan (Amy Adams) ein unerfülltes Leben lebt. Die zweite zeigt ihre Beziehung zu Edward (Jake Gyllenhaal), die in der Vergangenheit liegt. Und auf der dritten Ebene wird die Geschichte erzählt, die Edward verfasst hat. Das wichtigste Bindeglied zwischen den einzelnen Storys stellt Schauspieler Jake Gyllenhaal in einer Doppelrolle dar. Dank seines herausragenden Spiels mag man über so manche Plattitüde hinwegsehen und sich von den "Nocturnal Animals" (2016, nun bei 3sat im Programm) in den Bann ziehen lassen.

Tom Ford lässt die Geschichte in zwei Welten spielen, die er sehr gut kennt: zum einen in der Glitzerwelt von Los Angeles, in der Susan im Luxus lebt und auch Tom Ford ein Haus besitzt. Zum anderem im staubigen Texas mit seinen raubeinigen Gestalten und seiner riesigen, teils menschenleeren Fläche, die die Kulisse für den Film im Film bietet. Der in Texas und New Mexico aufgewachsene Tom Ford erfasst die Stimmung dieses anderen Amerikas perfekt, vor allem das Konzept von Männlichkeit, das im Film eine wichtige Rolle spielt.

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Die Geschichte in der Geschichte

Aber zurück zu Susan und ihrer Umgebung, in der Kolleginnen beim Meeting nicht die neue Frisur bewundern sollen, sondern die gelungene Schönheitsoperation. Sie lebt in einer artifiziellen Kunstszene, in der Menschen wie Susan mit einer Ausstellung den Schönheitswahn in Frage stellen, aber gleichzeitig mit ihrem eigenen Leben ein Teil davon sind. Schnell wird klar, dass Susan, die zudem noch in einer lieblosen Beziehung steckt, etwas fehlt. Eines Tages findet sie ein Buchmanuskript in ihrer Post, das ihr Ex-Mann Edward ihr widmet. Susan, der Nachtmensch, der sowieso nie schlafen kann, zieht sich zurück ins Bett und beginnt, "Nocturnal Animals" zu lesen.

Das Buch erzählt die Geschichte einer Familie, die zu später Stunde auf einem einsamen Highway in Texas unterwegs ist. Eine Geschichte, die für die Frau (Isla Fisher) und Tochter (Ellie Bamber) der Hauptfigur Tony (Jake Gyllenhaal) tödlich endet. Fasziniert und erschrocken zugleich reagiert Susan auf den brutalen Roman und das Schicksal der beiden Frauen und die Verzweiflung des Überlebenden. Auch wenn man schon ahnt, dass die Story ganz bewusst auf Susan zugeschnitten ist, um ihr etwas mitzuteilen, versteht man zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Zusammenhänge. Da kommt die dritte Ebene ins Spiel, in der ihre vor 19 Jahren zu Ende gegangene Beziehung mit ihrer großen Liebe aufgearbeitet wird: In Edwards Meisterwerk mehr von ihm und ihr selbst, als Susan lieb ist.

Mitreißende Performance zwischen Empfindsamkeit und niederen Instinkten

Die Idee, dass Schriftsteller durch ihr Schreiben Beziehungen weiterleben lassen können, die in der Realität vorbei sind, gehört zu den etwas platteren des Films. Ebenso die, das Schreiben als Ventil für die Verarbeitung eigener heftiger Gefühle zu nutzen. Trotzdem gelingt es Tom Ford, zwischen plakativen Gedanken über falsch gewählte Lebenswege, Rache und Vergebung einen spannenden Film zu erzählen, der auf allen drei Erzählebenen funktioniert und interessiert. Das Drama verzichtet auf allzu dramaturgische Komplexität und gibt so ganz den Figuren, allen voran dem Hauptdarsteller, Raum für eine mitreißende Performance zwischen Empfindsamkeit und niederen Instinkten.

Der ständige Wechsel zwischen verschiedenen Erzählebenen kann in Filmen verwirrend sein, doch bei "Nocturnal Animals" weiß der Zuschauer immer, wo er sich gerade befindet. Das Hin- und Herspringen bietet angenehme Pausen von der intensiven Verfilmung von Edwards Roman, in der Jake Gyllenhaal in der Machowelt der Texaner ums nackte Überleben kämpft. Mag die frühere Liebesgeschichte von Susan und Edward noch über eine gewisse Romantik verfügen, geht die filmische Angstphantasie Edwards an die Schmerzgrenze.

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