"37°: In der Abseitsfalle - Kein Coming-out im Fußball?"

"Wie zwei gegenseitige Pole": TV-Reportage zeigt den Druck, der auf schwulen Fußballern lastet

08.06.2021 von SWYRL/Christopher Schmitt

Aus drei Perspektiven beleuchtet eine "37°"-Reportage die Angst schwuler Fußballer vor dem Coming-out. Dabei konzentriert sich der Film von Annette Heinrich nicht allein auf den Profifußball, sondern wirft auch einen Blick zu den Amateuren.

"Fußball ist alles - auch schwul": Der Slogan prangte schon mehrfach auf Bannern in deutschen Stadien. Doch Homophobie ist im beliebtesten Sport Deutschlands nach wie vor ein Problem. Die "37°"-Reportage "In der Abseitsfalle - Kein Coming-out im Fußball?" (Dienstag, 8. Juni, 22.15 Uhr, ZDF und ab 8 Uhr in der ZDFmediathek) von Autorin Annette Heinrich zeigt, wie schwer es Fußballern im Profi-, aber auch im Amateurbereich aus Angst vor Ausgrenzung immer noch fällt, ihre sexuelle Orientierung öffentlich zu machen. Nach wie vor ist kein einziger Spieler in der Bundesliga offen schwul. Die 30-minütige Reportage, die man angesichts des tiefschürfenden Themas gut gerne auf eine Stunde hätte ausweiten können, begleitet drei Protagonisten mit unterschiedlichen Vorzeichen und ist in ihren stärksten Momenten hochemotional. Es geht um Identitätskrisen, Versteckspiel und nicht zuletzt um die schönste Nebensache der Welt.

Wie sehr das traditionell, harte Männlichkeitsbild bis in den Profibereich wirkt, zeigt das Beispiel Thomas Hitzlsperger: Deutscher Meister mit dem VfB Stuttgart 2007, Nationalspieler, Spitzname "Hitz, the Hammer", aber lange Zeit heimlich schwul. "Es waren wie zwei gegenseitige Pole, die sich abgestoßen haben", beschreibt Hitzlsperger, heute Vorstandsvorsitzender beim VfB, seine damalige Gedankenwelt zwischen Fußball und Homosexualität. Der Profisport ums runde Leder sei ein guter Ort, um sich zu verstecken. Im vermeintlich harten Männersport würde man seiner Meinung nach schließlich am wenigsten Homosexuelle vermuten. Heute sieht sich Hitzlsperger voller Selbstbewusstsein selbst als Beweis, dass die sexuelle Orientierung nichts mit den Fähigkeiten am Ball zu tun hat. "Das stimmt so nicht, weil ich das eben auch bewiesen habe."

Während er sich seinem Umfeld bereits offenbart hatte, hielt er in der Kabine lange Zeit die Füße still. Genau hier wird es interessant: Die Kabine als größte Hemmschwelle des Outings: "Ich habe mich einfach nicht wohlgefühlt", gesteht der ehemalige Nationalspieler. Zwar sei selbstredend jede Kabine anders, dennoch sei es ein "besonderer Raum". Zwischen den Mitspielern gibt es Konkurrenzsituationen und im schnelllebigen Profigeschäft steht man demjenigen, der einen nach dem erzielten Tor noch innig in den Arm nimmt, vielleicht schon bald im Zweikampf gegenüber. Ein solch sensibles Thema meist flüchtigen Bekanntschaften anzuvertrauen, das klang in Hitzlspergers Ohren nicht sinnvoll. Mit wem also sprechen? Überlegungen, sich während der aktiven Karriere zu outen, gab es dennoch. Allerdings hatte sein persönliches Umfeld mehr Angst um ihn, als er selbst - und er mehr von den Mitspielern als vor homophoben Fans.

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"Dann wird es schwierig, als Mensch zu bestehen"

Aber Hitzlsperger hatte zumindest privat jemanden, um sich mitzuteilen. Marcus Urban, einst als Jugendspieler ein aufsteigender Stern beim FC Rot-Weiss Erfurt, konnte sich seine Homosexualität noch nicht einmal selbst eingestehen. Er sagt im Film, er habe sich hinter dem Satz versteckt: "Ich bin Fußballer, also kann ich gar nicht schwul sein." Die Identitätskrise trieb ihn bis in schwere Depressionen, er wollte nicht mehr weiterleben. Urban gewährt tiefe Einblicken in sein Seelenleben, denn wie bei "37° üblich, sprechen hier die Betroffenen: "Dann wird es natürlich schwierig. Nicht nur für die Leistung, sondern auch als Mensch zu bestehen." Letztlich entschied er sich dafür, lieber frei zu sein, "als meine Sexualität und mein Wesen der Karriere wegen weiter zu verleugnen". Am Ende der Reportage bedankt er sich bei zwei aktiven Spielern von Union Berlin für ihre Unterstützung. Unterstützung, die er einst selbst dringend benötigt hätte.

Abseits vom Leistungsdruck der Profis sieht es kaum besser aus, wie Autorin Annette Heinrich aus ihren Recherchen weiß. Zwar gibt es längst viele schwul-lesbische Fußballvereine. Allerdings seien manche Spieler zwar dort aktiv, aber nicht einmal vor ihrer Familie geoutet - und wollten deshalb nicht vor die Kamera. Als Amateurspieler wurde stattdessen Benjamin Näßler zum Protagonisten. Auch er gibt intime Einblicke in sein Gefühlsleben, wenn auf dem Trainingsplatz homophobe Sprüche geklopft wurden. Hier wird es besonders emotional, wenn der Bruder die Tränen nicht mehr unterdrücken kann, weil sein Bruder so lange leiden musste. Der Unterstützung seiner Familie in einem kleinen schwäbischen Ort kann sich der junge Mann gewiss sein. Nun kehrt er Jahre später geoutet zu seinem Provinzclub zurück und konfrontiert die alten Mannschaftskollegen.

Jede Handlung wird zum Stresstest

Was sich wie ein roter Faden durch alle drei Geschichten zieht, ist das harte Männlichkeitsbild, zu dem Homosexualität angeblich nicht passen könne. Während Marcus Urban ("Ich war aggressiver als die anderen und manchmal auch brutal") bei seinen Grätschen im Training rücksichtslos Grashalme und Kollegen niederstreckte, um möglichst nicht einem Klischee zu entsprechen, achtete Benjamin Näßler in der Kabine auf jede noch so belanglos wirkende Handlung: "Lege ich meine Kleidung zusammen oder schmeiße ich sie einfach in die Tasche rein?" Die Qualität, mit der gegen den Ball getreten wird, unterscheidet sich erheblich, die Gesetze der Kabine scheinen sich im Profi- und Amateursport zu ähneln.

Wann folgt also der große Schritt in den Profiligen? "Gerade hat man den Eindruck - gerade durch '#actout' der Schauspieler - die Zeichen stehen auf offeneren Umgang und Veränderung", so Autorin Annette Heinrich. Unter anderem schob das Fachmagazin "11FREUNDE" eine entsprechende Kampagne an, Bundesliga-Profis bekundeten ihre Solidarität. Im Interview erklärt Heinrich, ihr sei zu Ohren gekommen, dass der Versuch eines Sportarten-übergreifenden Outings bereits gestartet wurde. Dieses solle auch den Fußball einschließen. Es herrsche jetzt Rückenwind, der Boden scheint also bereitet. Doch das Warten auf den ersten aktiven schwulen Profifußballer geht vorerst weiter.

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