ZDF History: Mythos Kneipe - der Deutschen zweites Wohnzimmer - So. 26.06. - ZDF: 23.40 Uhr

Wo das Leben noch lebenswert ist

23.06.2022 von SWYRL/Hans Czerny

Rührselig besang Peter Alexander 1976 "die kleine Kneipe in unserer Straße, da, wo das Leben noch lebenswert ist". Als hätte er das große Kneipensterben vorausgeahnt: Immer weniger nachbarschaftliche Biertreffs, in denen man sich ohne Unterschied vergnügen kann, gibt es seitdem.

Längst sind die Zeiten vorbei, in denen sich von Peter Alexander rührselig "die kleine Kneipe in unserer Straße" so hymnisch wie rührselig besingen ließ. Einst besonders in den Großstädten für ärmere Einwohner ohne eigenes Wohnzimmer eine Notwendigkeit oder gar "Keimzelle des Protests", wie nun von den ZDF-Historikern behauptet, sind die Eckkneipen, in Bayern zärtlich "Boazn" genannt, immer weiter am Schwinden. Laut Statistik soll es 1994 noch deren 70.000 gegeben haben, heute sind es nur noch etwa 22.000. Kürzlich noch war zu befürchten, die Coronakrise gebe ihnen nach dem Rauchverbot den letzten Rest.

Die "TV-Legende" Frank Zander und der Comedian Markus Krebs helfen den "History"-Machern nun beim Betrachten des "Mythos Kneipe" bei der Nostalgiepflege und beim gepflegten Jammern. Es fehle mit der Kneipe "der gesellschaftliche Zusammenhalt", so kommt heraus. Also setzen sie sich zumindest verbal für den Erhalt der Kiezkneipen ein.

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Kreuzberger Nächte sind lang

Diese überaus launige "ZDF History"-Ausgabe schlägt allerdings einen viel größeren Bogen. Sie kommt auf die ersten Berliner und Bremer Kiezkneipen zurück. Kein Geringerer als der spätere Reichspräsident Friedrich Ebert war ja mal Schankwirt in der Bremer Neustadt, und die Spelunken selbst sollen eine Keimzelle der Sozialisten gewesen sein. Dass man aber auch gleich die Münchner Bierkeller als Nährböden der Nazis mit einbezieht, führt zumindest größenmäßig von der guten alten Boazn schon ziemlich weit weg.

Der Stammtisch, "an dem sich Volkes Stimme artikuliert" (ZDF), ist inzwischen ins Fernsehen gewandert. Könnte es einen schöneren Ausdruck dessen geben, dass nicht zuletzt das Fernsehen selbst dazu beitrug, den potenziellen Kneipengast vom Karten- oder Flipperspiel abzuhalten? Dabei kamen zu Beginn der Fernsehära viele beim gemeinsamen Fußballschauen in der Kneipe erstmals mit der Flimmerkiste in Berührung. Auch das fraglos ein nicht nebensächlicher Aspekt, wenn man das Phänomen Kneipe kulturhistorisch angemessen betrachten will.

Nicht bedauernswert, aber auch nicht ganz wahr, ist der Umstand, dass traditionelle studentische Saufgelage im Wirtshaus inzwischen der Vergangenheit anhören. Das Kneipenwesen ist während der Studentenrevolte nach links abgewandert, so haben die ZDF-Zeitgeschichtler herausgefunden, und sie nehmen dafür den Gebrüder-Blattschuss-Song "Kreuzberger Nächte sind lang" in Beschlag. Doch alles in allem gereicht es den Dokumentaristen zur Ehre, dass sie im Zeichen der um sich greifenden Gentrifizierung so kurz vor dem drohenden Aus der "kleinen Kneipe" noch einen ausführlichen Rückblick angedeihen lassen. Da darf man im Eifer des Gefechts auch mal einiges durcheinanderbringen.

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