16.02.2026 von SWYRL/Jens Szameit
Sönke Wortmanns "Sommermärchen"-Doku hat Jürgen Klinsmann nie gesehen. In einem Podcast sprach er zudem über jenen Moment, an dem ihm klar wurde, dass er als Bundestrainer aufhören muss.
Er ist einer der wichtigsten Protagonisten in einer der wirkungsmächtigsten deutschen Sport-Dokus aller Zeiten. Doch selbst angeschaut hat Jürgen Klinsmann den Film "Deutschland. Ein Sommermärchen" nie. Das offenbarte der damalige Bundestrainer im "OMR Podcast" gegenüber Host Philipp Westermeyer.
Klinsmann hatte die deutsche Mannschaft bei der Heim-WM auf den dritten Platz geführt. Noch wichtiger, da waren sich viele Beobachter später einig, war aber das Gemeinschaftsempfinden, das während der Turnier-Wochen im Land entstanden war. Unter anderem von diesem neuen Wir-Gefühl und den Partys beim Public Viewing erzählt die Doku von Regisseur Sönke Wortmann. Das allerdings weiß Klinsmann nur vom Hörensagen.
"Oliver Bierhoff kam zu mir nach Los Angeles rübergeflogen und sagte: 'Wir können uns jetzt die ganze Doku anschauen'", erinnert er sich im Podcast. Darauf habe er dem Nationalmannschafts-Manager geantwortet: "Wir können auch schön einen Kaffee trinken gehen." Klinsmanns Haltung sei gewesen: "Ich vertraue dir, ich vertraue dem Sönke, ihr schneidet das so zusammen, wie ihr es für richtig haltet, ich bin kein Film-Fachmann." Der heute 61-Jährige weiter: "Das Versprechen war da, wenn etwas nicht vor die Kamera gehört, dass es dann halt rausgeschnitten wird."
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Beim Empfang nach Platz 3 ist Jürgen Klinsmann "ein bisschen mulmig geworden"
Während des Turniers, erklärt der 108-fache Nationalspieler weiter, sei ihm gar nicht bewusst gewesen, "wie gigantisch diese WM eigentlich war". Klinsmann: "Wir haben ja in unserer kleinen Bubble gelebt, auch wenn wir natürlich Fernsehen geschaut haben. Aber das Turnier selbst haben wir erlebt aus rein sportlicher Hinsicht."
Erst beim Empfang am Brandenburger Tor vor rund einer Million Fans nach dem Spiel um Platz 3 habe er die ganze Euphorie-Dimension erfasst. "Da ist mir ein bisschen mulmig geworden, mulmig im schönen Sinne", sagt Klinsmann im Podcast. Im selben Moment sei der Gedanke gereift: "Besser, du kommst wieder runter und gehst zurück nach Kalifornien. Du musst halt den Jogi überreden, dass er's weitermacht."
Joachim "Jogi" Löw ließ sich tatsächlich überreden und wurde Klinsmanns Nachfolger als Bundestrainer. 2014 führte Löw die Nationalmannschaft zum WM-Titel in Brasilien. Eine Entwicklung, die Klinsmann nicht mehr in verantwortlicher Position begleiten wollte.
"Ich hatte keinen Burnout, aber ich war einfach leer"
Das Erlebnis der Heim-WM 2006 sei für ihn und seine Familie einfach zu "überwältigend" gewesen, erklärt der gebürtige Schwabe die damalige Entscheidung. "Ich hatte einfach auch das Bedürfnis, erst mal Urlaub, erst mal wieder runterkommen, nicht mehr Fußball sehen - drei Wochen später war schon wieder ein Freundschaftsspiel angesagt." Unvorstellbar sei es für ihn gewesen, direkt wieder an der Seitenlinie zu stehen. "Das ist alles zu viel", war sein Gedanke. Er habe sich "emotional leer" gefühlt: "Ich hatte keinen Burnout, aber ich war einfach leer."
Klinsmann kehrte Deutschland den Rücken und in seine Wahlheimat USA zurück. "Kalifornien war für mich immer ein Platz, wo ich erst mal durchschnaufen konnte, wo ich mich auch nicht rechtfertigen musste, für das, was gerade passiert ist", erklärt der Ex-Spieler die Vorzüge seines Wohnsitzes - speziell nach Enttäuschungen. Seine Entlassung als Trainer von Bayern München im Jahr 2009 habe ihm sehr wehgetan, er hätte die Saison gerne "voll durchgezogen": "Aber du musst lernen, mit der Entscheidung der anderen Seite umzugehen." Da helfe es, dass er in "Kalifornien nicht jedem Rede und Antwort stehen muss".



