Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen - Fr. 24.06. - ARTE: 20.15 Uhr

Ein Engel aus der Ukraine

21.06.2022 von SWYRL/Wilfried Geldner

Sonnige Gemüter sehen in dem Film von 2021 eine Tragikomödie oder gar eine "Dramedy". Es ist jedoch ein Trip in die deutsche Spießerhölle, den die ukrainische Hilfskraft Marija (Emilia Schüle) da zu bewältigen hat.

Mag ja sein, dass das bereits erprobte Regie- und Autorenpaar Marc Dietschreit und Nadine Heinze ("Das fehlende Grau") eine x-te optimistische Demenz-Komödie à la "Honig im Kopf" im Schilde geführt hat. Herausgekommen ist mit "Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen" aber eine grausame Groteske, die deutschen Spießern den Spiegel vor Augen hält. Die Demenz eines alten Herrn (alles andere als lustig) ist der Auslöser für Marijas (Emilia Schüle) Deutschland-Reise.

Auf die Hölle, die sie im deutschen Wohlstands-Haushalt erwartet, ist sie jedoch keineswegs vorbereitet, obwohl sie bereits im Reisebus erste Instruktionen von einer hilfreichen Landsfrau erhält. "Das schaffst du schon", sagt die, sie ist gerade vor übergriffigen Männern auf Marijas Nachbarsitz geflüchtet, später wird sie Marija mehrfach hilfreich unter die Arme greifen bei ihrem unterbezahlten, ausbeuterischen 24-Stunden-Job. So schön wie in der Eingangsszene im Bus, wo sich das wunderbare Gesicht der Emilia Schüle engelhaft in den Fenstern spiegelt, wird es im Film bis zum aufgesetzt guten Ende nie mehr sein. Im Horrorhaus der Familie Wieland wartet nämlich nicht nur der bereits schwer an Demenz erkrankte, verwitwete Hausherr Curt Wieland (Günther Maria Halmer, kauzig wie stets), sondern vor allem dessen Tochter Almut (Anna Stieblich), ein wahrer Hexenbesen.

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"Tatort"-Star mit markantem Auftritt

Alles genau aufgelistet: der weiße Kittel, den es anzuziehen gilt, kein Schmuck, kein Nagellack, kein Männerbesuch! Aus dem Rekorder tönt unaufhörlich die Volksweise "Kein schöner Land". Der Plan, nach dem Marija, unser ukrainischer Engel, handeln muss, ist haargenau festgelegt: Essens- und Schlafenszeiten - und bitte den Stuhlgang genau betrachten.

Die Vorsicht scheint sich als berechtigt zu bestätigen, als Curt nächtens das Haus in Unterhosen durchstreift und Schreianfälle bekommt. Mal zieht er auch den Trenchcoat über und will sich auf die Jagd begeben wie zu alten Zeiten - seine Jagdtrophäen hängen reichlich an der Wand. Da aber ist - sei's zum Glück, oder leider - Tochter Almut schon geflüchtet. Curt hatte urplötzlich in Marija am Essenstisch bei deren gelungenem Mahl seine längst verstorbene Frau Marianne wiedererkannt. Er dreht im Geiste die Zeit zurück, macht gar einen netten Kaffeeausflug mit Marija wie damals im Mai und hält eine huldigende Hochzeitsrede. Als Höhepunkt gedacht, ist sie ob ihrer Unwahrscheinlichkeit zweifellos eine der Schwachstellen des Films.

Die andere kommt in Gestalt des Sohnes Philipp daher. Fabian Hinrichs, Star aus dem Franken-"Tatort", bricht nach einem Hilferuf Marijas als kindheitsgestörter, schizoider Sohn Philipp ins Haus, um eifersüchtig am Horrorszenario zu köcheln. Von Marija angetan, wird er übergriffig, beschenkt mit Kleidern und bietet ihr, wenn nicht gleich die Heirat, so doch den Dienst als private Escortdame an. Doch Marija weiß sich irgendwann zu wehren und tritt zuletzt mit der freundlichen Landsfrau vom Beginn die Heimreise an.

Himmlische Emilia Schüle

Wer mehr über Demenz wissen will, ist hier sicher fehl am Platz. Allgemeiner Usus ist es ja, die Krankheit als lange hinauszögerbar zu zeigen, mit einem Schuss Optimismus obendrein und einem Open End, das die Zuschauer in den Spielfilmen hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lässt. Auch hier erklingen am Ende die Weihnachtsglöckchen, ertönt im Hintergrund "Oh, du Fröhliche" - und Carl schenkt Marija vom Bett aus zum Abschied ein angeblich wertvolles Bild.

Der Film kann oder will sich zwischen einer Humankomödie wie "Ziemlich beste Freunde" und einem desavouierenden Horrortrip nicht entscheiden. Aber er hat, nicht zuletzt dank der himmlisch hilfsbereiten Emilia Schütte ("Freche Mädchen", "Traumfabrik") intensive, Bauchgrimmen erzeugende Stellen, die dazu zwingen, Stellung zu beziehen: Was würden wir tun?

Rein zeitlich ist "Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen" aus allen Koordinaten gefallen. Drehzeit im November 2018, Erstveröffentlichung im Corona-Sommer 2021, dann der neue Krieg in der Ukraine, der den Film nun zuweilen anachronistisch erscheinen lässt. Soviel Strafe hat diese SWR-Kinokoproduktion aus dem Filmförder-Labor wirklich nicht verdient. Was die "Vergesslichkeit der Eichhörnchen" betrifft, so ist die dem Eichhörnchen-Brauch geschuldet, Nüsse vor dem Winter zu vergraben und hinterher zu verhungern, weil sie diese nicht wiederfinden. Aber es erwachsen daraus - Trost gefällig? - aus ihnen ja wieder neue Bäume.

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