"37° Leben: KI und Therapie?"

Madeleine vertraut bei Panik-Schüben der KI - Forscher warnt in ZDF-Doku mit Nachdruck

08.02.2026 von SWYRL/Friederike Hilz

In Deutschland gibt es nicht genügend Therapieplätze. Könnte Künstliche Intelligenz Abhilfe schaffen? Eine neue ZDF-Reportage begleitet drei Menschen, die auf ChatGPT und Co. setzen, und zeigt: Es ist kompliziert.

"Ich komme gerade von der Arbeit und irgendwie merke ich, dass sich die ganzen Gefühle aufstauen", sagt Liam (29) - nicht zu einem Therapeuten, seiner Freundin oder einem Kumpel, sondern zu seinem Handy. Der 29-Jährige hat eine Borderline-Persönlichkeitsstörung und wartet schon länger auf einen Therapieplatz.

Liam versucht die Zeit mit einer KI zu überbrücken. Auch Alischa (26) und Madeleine (33) setzen auf Künstliche Intelligenz, um ihren Alltag trotz psychsicher Probleme zu meistern. Die "37° Leben"-Reportage "KI und Therapie?" begleitet die drei und fragt bei einem Forscher nach: Ist das sinnvoll?

"Für mich ist das total hilfreich und auch therapeutisch, dass ich da einfach immer, 24/7, egal wo ich bin, mal eben schnell irgendwie was, was mir im Kopf vorgeht, da reindonnern kann", erklärt Alischa, warum sie einen Chat-Bot um Hilfe fragt. Die 26-Jährige hat Autismus und ADHS und ist daher im Alltag schnell überreizt.

Wie auch Liam nutzt sie KI, während sie auf einen Therapieplatz wartet, und findet: Das Einordnen ihrer Emotionen - ist das gerade beispielsweise ein ADHS-Symptom? - könne "sowohl eine Therapeutin als auch eine KI" machen. "Wenn die Quelle vernünftig gewählt ist", ergänzt sie mit einem Lachen und gesteht: "Das ist wieder ein schmaler Grat." Doch es helfe ihr, sich selbst anzunehmen.

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Madeleine (33) beruhigt sich mit Informationen der KI

Madeleine leidet an Depressionen und Emetophobie, der Angst davor, dass man selbst oder eine andere Person sich übergibt. Bei der 33-Jährigen wird das Gefühl manchmal so stark, dass sie Panikattacken bekommt. Sie tut viel, um eine Infektion und damit schon die Möglichkeit zu vermeiden: Türklinken fasst Madleine nicht mit der bloßen Hand an, im Auto hat sie stets ein Desinfektionsmittel parat. Doch wegen ihres siebenjährigen Sohnes werde sie "extrem" mit ihren Ängsten konfrontiert. Während der Kindergartenzeit habe er sich mal vor lauter Husten übergeben - für seine Mutter der blanke Horror.

Hustet ihr Kind nachts, greift Madeleine schnell zum Handy: Wird ihr Sohn krank? Die KI beruhigt mit Fakten: Wenn er tagsüber fit gewesen sei, sei es unwahrscheinlich, dass er über Nacht krank werde. "Es geht nicht darum, dass ich jetzt jemanden erreichen muss. Ich brauche halt externe Einwirkungen, die mich beruhigen über Informationen", erklärt die 33-Jährige, die seit zwei Jahren in psychologischer Behandlung ist.

Forscher warnt vor "Sicherheitsrisiko" und Gefahren

Nachts in Angst schnell zum Handy zu greifen, sei jedoch nicht immer die beste Lösung, erklärt Professor Harald Baumeister von der Universität Ulm: "Das ist an der Stelle nicht gut, weil das klassisches Reinforcement, also Verstärkung von einem Verhalten, ist, was wir Rückversicherungsverhalten nennen." Das führe zwar erst einmal zur Entspannung, sorge jedoch auch dafür, dass die Angst das nächste Mal schneller zurückkehre. Man nehme sich selbst die Chance, sich seiner Angst zu stellen.

Dennoch findet es Baumeister "nachvollziehbar", wenn Menschen auf Chat-Bots zurückgreifen. Doch er warnt: Fehlbehandlungen, etwa bei suizidgefährdeten Menschen, seien ein "Sicherheitsrisiko". Ebenso hält es der Forscher für gefährlich, dass Betroffene sich durch die KI "versorgt fühlen" und dann nicht "eine Behandlung in Anspruch nehmen, die besser wirkt".

Liam (29) fühlt sich von der KI manchmal "nicht verstanden"

Liam merkt immer wieder, wie die KI an ihre Grenzen kommt. "Ich habe mich nicht verstanden gefühlt, denn ich habe Chat vorher gesagt, ich kann meine Gefühle nicht benennen, und er bittet mich als Tipp, meine Gefühle aufzuschreiben", ärgert sich der 29-Jährige in der ZDF-Reportage. Er hat für sich festgestellt: "Die KI ist in dem Moment sinnvoll, wenn sie da ist, wenn es halt kein anderer ist." Auch Alischa weiß: "Manchmal, je nachdem, braucht man auch eine emotionale Rückmeldung einfach oder einen emotionalen Safe-Space und das kann dir kein Chat-Bot geben."

Im Moment seien Chat-Bots und Sprachmodelle "nicht gemacht und nicht abgesichert, um medizinisch sensible Daten aufzunehmen. Die sind nicht zur Behandlung gedacht", stellt Baumeister klar. In einigen Jahren könnte das allerdings schon anders sein, so der Forscher. Doch dafür brauche es "ethische Leitplanken und auch Ideen, wie KI menschengerecht entwickelt werden kann".

"37° Leben: KI und Therapie" ist in der Mediathek und am Sonntag, 8. Februar, um 9.03 Uhr im ZDF zu sehen.

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