22. Juli - Die Schüsse von München

Sechs Jahre nach dem Attentat von München: Wie rassistischer Wahn eine Stadt in Angst versetzte

18.07.2022 von SWYRL/Maximilian Haase

Neun Menschen bezahlten den Amoklauf eines 18-Jährigen am Münchner Olympia-Einkaufszentrum mit dem Leben. Sechs Jahre später arbeitet Sky die Gewalttat in der vierteiligen Dokumentation "22. Juli - Die Schüsse von München" auf.

Es ist Freitag, der 22. Juli 2016, in München. Ein schöner Sommernachmittag in der bayerischen Kapitale, voller Vorfreude auf das nahende Wochenende. Bis ein 18-Jähriger die gesamte Stadt - und Nation - in einen kollektiven Schockzustand versetzt. Der rassistisch motivierte Attentäter tötet neun Menschen, verletzt fünf weitere schwer und nimmt sich schließlich selbst das Leben. Bis heute bleibt die Frage, wie es zu der grausamen Tat kommen konnte. Zum sechsten Jahrestag des Amoklaufs am Olympia-Einkaufszentrum blickt nun eine eindrückliche Dokumentationsreihe bei Sky auf die schrecklichen Ereignisse zurück. In vier je 50-minütigen Episoden beleuchtet das Format "22. Juli - Die Schüsse von München" (ab Donnerstag, 21. Juli) zudem die Folgen des Attentats und die Ursachen für die rassistische Gesinnung des Täters.

"Ich versuche irgendwie, diesen Tag aus meinem Kopf rauszulöschen. Keine Chance." - Diese Worte spricht Hüseyin Bayri in die Kamera, einer der Augenzeugen, die für den Film interviewt wurden. Eindrücklich beschreibt er, wie er dem noch lebenden Guiliano, einem der späteren Opfer, helfen wollte und selbst ins Visier des Täters David S. geriet. Bisweilen findet er keine Worte - und auch bei den Zuschauern dürfte bei diesen Szenen vor allem Sprachlosigkeit herrschen. "Die Narben wollen nicht heilen", beschreibt Gisela Kollmann, die Großmutter von Guiliano, die Jahre nach der Tat. Und: "Ich hätte gern mit meinem Kind getauscht". Sensibel und angemessen fängt die Doku im Gespräch mit den Angehörigen die Hilflosigkeit angesichts des Unfassbaren ein.

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Rechte Gesinnung auf Gaming-Plattform

Der erste Teil zeichnet minutiös den Ablauf der Tat nach - Schüsse im McDonald's-Restaurant, dann auf der Straße, schließlich im Einkaufszentrum selbst. Es sind vor allem die beiläufig erzählten Details, die den Betrachter schlucken lassen. Rekapituliert wird auch das Chaos, das aufgrund zahlreicher Meldungen von weiteren Attentätern und Tatorten herrschte: "Wir hatten eine sehr diffuse Informations- und Auskunftslage vom Tatort selber", beschreibt es im Interview Polizeisprecher Marcus Da Gloria Martins, der für seine besonnene Kommunikation an jenem Tag vielfach gelobt wurde. "Das müssen Sie sich wirklich vorstellen, als ob Sie ein 1000er-Puzzle lösen müssen, dummerweise sind alle Teile weiß. Und von außen schmeißt noch jemand Teile rein, die gar nicht zum Puzzle gehören." Der Film hinterfragt auch die Rolle, die die sozialen Medien dabei spielten - und lässt selbstkritische Akteure zu Wort kommen.

Im Laufe der weiteren Episoden dreht sich alles um die Frage nach dem Warum. Mithilfe einer beeindruckenden Expertenriege aus Polizisten, Forensikern, Medizinern, Psychologen und Extremismusfachleuten rekonstruieren Regisseur Johannes Preuss und Martin Bernstein, Autor der "Süddeutschen Zeitung", was David S. dazu brachte, Menschen zu töten. Wie konnte er, der Sohn iranischer Migranten, zum Rassisten werden? Wie hing die rechte Gesinnung mit der Tatsache zusammen, dass er regelmäßig in der Schule gemobbt wurde? Und welche Rolle spielte die Gamer-Szene, in der er sich bewegte? Detailliert entschlüsselt die Dokumentation, wie sich der Täter schon lange auf das Attentat vorbereitete, wie er lebte, was ihn antrieb, in welchen rechtsextrem beeinflussten Wahn er sich steigerte und nach welchem Muster er letztlich seine Opfer aussuchte.

"Er ist tatsächlich Münchner. Er ist Deutscher. Er hat am 20. April Geburtstag gehabt, das ist ja auch der Geburtstag Adolf Hitlers gewesen", sagt Autor Martin Berstein: "Er war offenbar stolz auf diesen Fakt." Extremismusforscher Florian Hartleb beschreibt im Film die Motivation des jungen Täters: David S. habe möglichst viele Menschen, insbesondere türkischstämmige, anlocken und zum späteren Tatort bringen wollen - um eine Auswahl zu haben, wen er später erschießen könnte. Geprägt habe ihn dabei im Vorfeld auch die Beschäftigung mit anderen Massakern. Oft bezögen sich derlei Taten aufeinander: Man könne sagen, "dass der Terrorismus immer sehr stark von Vorbild-Ereignissen ausgeht", erklärt Hartleb. "Der 11. September 2011 war ein Menetekel für islamistischen Terrorismus. Der 22. Juli 2011 mit Breivik in Norwegen war ein Menetekel für rechten Terrorismus. Und für Schulattentate war Columbine Vorbild für viele weitere Taten." Dass diese Massaker sich "gegenseitig inspirieren", sei ein wichtiger Punkt.

Verbindungen in die USA

Höchst interessant sind die Verbindungen in die USA, die in der Doku-Reihe aufgedeckt werden: David S. habe Kontakt zum Attentäter der Aztec-Highschool gehabt, der nach der Tat von München in New Mexico zwei Schüler tötete. Mehr noch: Auf der Gaming-Plattform "Steam", so fanden die Autoren heraus, habe sich ein ganzes Netzwerk rassistischer Personen gebildet, die sich über Waffen und Massenmorde ausgetauscht hätten. Es sei "traurig", so eine der befragten Expertinnen im Film, dass womöglich sogar das FBI die Tat von München hätte verhindert können.

Erschütternde Handyvideos aus dem OEZ, nachgestellte Szenen und Interviews versuchen einen Einblick in die traumatisierenden Erlebnisse jenes Tages zu schaffen; Fachleute einen Einblick in Psyche und Motivation des Täters. Dass Letzterer so ausführlich im Fokus steht, ist für die Analyse unerlässlich - vor allem mit Blick auf die Frage, was von der fürchterlichen Tat bleibt und was daraus gelernt wurde. Und doch lässt die bedrückende wie informative Sky-Dokureihe die Opfer und ihre Familien nie aus dem Blick: "Das Leid der Hinterbliebenen und Überlebenden des Münchner Attentats darf nicht in Vergessenheit geraten - aber ebenso wenig ihr jahrelanger Kampf für die Bewertung der schrecklichen Tat als rassistisch motivierter Anschlag", sagt Martin Bernstein. In den vergangenen Jahren sei deutlich geworden, dass der Amoklauf zwar "ein singuläres Ereignis", keineswegs aber ein Einzelfall sei.

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