17.02.2026 von SWYRL/Jens Szameit
"Selenskyj ist immer dann am stärksten, wenn der Druck maximal hoch ist", heißt es in einem aktuellen ARD-Porträt des ukrainischen Präsidenten. Der Film zeigt eindrucksvoll: Viel höher könnte der Druck im vielleicht entscheidenden Kriegsjahr kaum sein.
Positive Nachrichten zum Kriegsverlauf sind für die Ukraine rar geworden. Nun aber ist dem Land binnen weniger Tage offenbar die größte Rückgewinnung von russisch besetztem Gebiet seit 2023 gelungen. Ein Grund könnte sein, dass die russischen Streitkräfte vom Zugang zum Satellitensystem Starlink abgeschnitten wurden.
Und doch sieht es im vierten Kriegswinter nicht gut aus für das vom großen Nachbarn überfallene Land. Die europäischen Verbündeten: unentschlossen. Der amerikanische Verbündete: unberechenbar. Hinzu kommen innenpolitische Probleme für Präsident Wolodymyr Selenskyj. So fächert es eine aktuelle ARD-Dokumentation im Rückblick auf die vergangenen zwölf Monate auf. "Selenskyj - Das entscheidende Jahr?", fragt der Film eine Reihe von Expertinnen und Zeitzeugen.
Es sind 45 Doku-Minuten auf dem bitteren Boden der Kriegsrealität. "Ich glaube nicht, dass die Ukraine eine realistische Aussicht hat, diesen Krieg zu gewinnen", sagt gleich zu Beginn der in Washington lehrende Politikberater Charles Kupchan. "Im Gegenteil: Der Ukraine gehen die Soldaten aus." Auch werde Putin seiner Ansicht nach "ein Unruhestifter" bleiben. "Die Vorstellung, dass Russland, wenn wir ihn nur in der Ukraine besiegen, plötzlich zu einem netten Nachbarn wird", werde nicht Realität werden.
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Korruptionsskandal hat an der Glaubwürdigkeit des Präsidenten gekratzt
Vom J.D.-Vance-Schock bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 über Selenskyjs Demütigung im Weißen Haus erreicht das Präsidenten-Porträt von Filmemacher Christoph Peters alsbald hausgemachte Skandale. Der Investigativ-Journalist Dennis Bihus berichtet, wie der ukrainische Sicherheitsdienst mit dem Versuch "einer Art Rufmordkampagne" gegen seine Redaktion scheiterte.
Kritisch wird das System der Präsidialverwaltung aus einem engen Kreis von Vertrauten beleuchtet. Und es fallen Schlaglichter auf die Proteste gegen ein neues geplantes Antikorruptionsgesetz im Sommer. Selenskyj habe "auf die harte Tour lernen müssen, dass er eben nicht alles machen kann", bewertet der ARD-Journalist Vassili Golod die Vorgänge. Der Präsident müsse respektieren, was die Menschen wollen: "Das sind unabhängige Institutionen, unabhängige Anti-Korruptionsbehörden, unabhängige Medien."
Beschädigt hat Selenskyj auch der Bestechungsskandal beim Bau von Schutzanlagen gegen Angriffe auf die Energieversorgung. "Man muss sich das so vorstellen", sortiert Golod den Skandal ein: "Da ist ein Land im Krieg, in dem Menschen in die Dunkelheit geschossen werden sollen. (...) Und in diesem Moment bereichern sich Menschen an Geld, das für den Schutz von Energieanlagen bestimmt ist." Das habe "an der Glaubwürdigkeit des ukrainischen Präsidenten gekratzt, der ja mit dem Versprechen angetreten ist, die Korruption im Land vollständig zu bekämpfen".
"Selenskyj ist immer dann am stärksten, wenn der Druck maximal hoch ist"
Die Widerstandskraft der Menschen konnte all das allerdings nicht brechen. "Die Ukraine wird niemals kapitulieren", sagt im Film die Anti-Korruptions-Aktivistin Daria Kaleniuk. Mann könne "nicht erwarten, dass Selenskyj etwas unterschreibt, was das ukrainische Volk nicht akzeptiert".
Umso härter traf die Bevölkerung Donald Trumps zunächst 28 Punkte umfassender Friendensplan im November, der unter anderem weitreichende Gebietsabtretungen vorgesehen hätte. "Ich fühle mich gedemütigt, als Nation entwertet", klagt eine ukrainische Passantin in der ARD-Doku. Ein junger Mann fragt: "Warum kämpfen wir dann überhaupt, wenn Russland will, dass wir alles aufgeben? Verteidigen wir unsere Grenzen nur, um sie am Ende preiszugeben? Wozu die ganzen Opfer?"
Die Politikwissenschaftlerin Claudia Major zeigt für diese Haltung Verständnis: "Man muss sich mal in die Schuhe des ukrainischen Präsidenten stellen", fordert sie ein. Die Entscheidung, 20 Prozent des Territoriums des Landes aufzugeben einschließlich der dort lebenden Bevölkerung, um den anderen 80 Prozent eine freie, sichere Zukunft zu gewähren, sei "eine Entscheidung, die man niemandem wünscht, sie treffen zu müssen". Zumal es weiterhin "keine verlässlichen Sicherheitsgarantien für die Ukraine" gebe.
"Es war ein weiteres Kriegsjahr, das Selenskyj im Gesicht abzulesen ist", formuliert Vassili Golod sein Fazit. In der Neujahrsansprache 2026 habe der Präsident erstmals von "schwierigen Zeiten" gesprochen und das Wort "Sieg" nicht mehr in den Mund genommen. Allerdings sagt Golod auch: "Selenskyj ist immer dann am stärksten, wenn der Druck maximal hoch ist." Es wäre aufs Neue zu beweisen.
"Selenskyj - Das entscheidende Jahr?" ist am Dienstag, 17. Februar, 23.35 Uhr, im Ersten zu sehen und schon vorab in der ARD-Mediathek.



