30 Jahre MDR und RBB/ORB

Als der Osten seine Dritten bekam: 30 Jahre MDR und RBB/ORB

30.12.2021 von SWYRL/Maximilian Haase

Am 1. Januar 1992, vor genau 30 Jahren, war es soweit: Der einstige DDR-Sender Deutscher Fernsehfunk stellte den Betrieb ein, an seiner Stelle sendeten von nun an die Dritten der Neuen Bundesländer. Doch wie viel Osten steckt eigentlich bis heute in MDR und RBB?

Vielleicht war es ein kleines Zeichen seines Überlebenswillens und damit eine der letzten Zuckungen der ansonsten längst abgewickelten DDR: Als der Deutsche Fernsehfunk, einst staatliche Sendeanstalt des "Arbeiter- und Bauernstaates", in der Silvesternacht vom 31. Dezember 1991 um Punkt Mitternacht den Betrieb einstellen sollte, verstrichen noch einige Sekunden im neuen Jahr 1992, bevor das DDR-Fernsehen wirklich Geschichte war. Auf dem Sendeplatz übernahm - wie im Rest der Gesellschaft schon geschehen - der Westen: Fortan erhielten auch die neuen Bundesländer ihre dritten Programme, die schon im Vorjahr gegründet und an die ARD angegliedert worden waren. 30 Jahre ist es her, dass der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) und der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB), der später im RBB aufging, ihren Sendebetrieb starteten. Sind die Sender mittlerweile im Westen angekommen? Und wie viel Ostmentalität steckt heute noch in den Dritten des Ostens?

"Ich sehe den MDR auch in Zukunft dort, wo er jetzt schon ist: Ganz nah bei den Menschen in Mitteldeutschland", hatte MDR-Intendantin Karola Wille vor fünf Jahren, zum 25-Jahre-Jubiläum, betont. Die Gründung des Senders sei ein Aufbruch in die Welt der freien Medien gewesen. Und was für einer: Das MDR Fernsehen, das für die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen verantwortlich ist, seinen Hauptsitz in Leipzig hat und zudem aus Erfurt den Kinderkanal betreibt, ist seit 1996 das meistgesehene dritte Programm in Deutschland. 2020 erreichte der MDR als erster dritter Sender einen Jahresmarktanteil von zehn Prozent. Formate wie das Politmagazin "Exakt", die Zoo-Dokureihe "Elefant, Tiger & Co." und der 1992 erstmals gezeigte Talk "Riverboat" strahlen auch über die Sendegebietsgrenzen hinweg. Das erste MDR-Logo glänzte nach der Wende in schwarz-rot-goldenen Lettern - ein Zeichen für das wiedervereinigte Fernsehvolk.

Andererseits kursierten über den MDR lange Zeit viele Vorurteile, und manche hallen bis heute nach: Der Mitteldeutsche Rundfunk galt und gilt manchem als provinziell, kleinbürgerlich - als überaltert sowieso. Schlager- und Volksmusikfans jedenfalls kamen im MDR, etwa bei der "Krone der Volksmusik", immer auf ihre Kosten. Der größte Vorwurf jedoch zielte auf einen gewissen Hang zur Ostalgie, zur Verklärung der DDR-Zeiten. Und ganz von der Hand zu weisen ist es ja nicht: MDR-Erfolgsformate wie "Kripo live", "Visite" und "Außenseiter Spitzenreiter" liefern schon im DDR-Fernsehen, seit 2014 erinnert Wolfgang Lippert an die schönsten Momente der Ost-Kultshow "Ein Kessel Buntes" - ganz zu schweigen von Sendungen vom Range "Ein Kessel DDR", in denen man in den Nullerjahren die Ostprominenz von Katharina Witt bis Gunter Emmerlich in Erinnerungen schwelgen ließ. "Das ganze Ostalgie-Gehampel ist sowieso nicht mehr zum Anschauen", kritisierte der Thüringer CDU-Politiker Mike Mohring vor zehn Jahren die Ausrichtung des öffentlich-rechtlichen Senders.

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"Unweigerlich ein prägender Lebensabschnitt"

"Natürlich spielen die Lebenserfahrungen der Menschen hier im Osten immer eine wichtige Rolle für uns", sagt MDR-Intendantin Karola Wille nun gegenüber der Nachrichtenagentur teleschau. Man habe "schon immer einen besonderen, einen differenzierten Blick auf die Transformationserfahrungen und Lebenswirklichkeiten der Menschen im Osten geworfen". Dabei sei die Zeit in der DDR "in vielen Ost-Biografien unweigerlich ein prägender Lebensabschnitt. In den 90er-Jahren waren unsere Programme noch sehr damit beschäftigt, die umwälzenden Transformationsprozesse der damaligen Zeit abzubilden und gleichzeitig verstehbar zu machen sowie Orientierungshilfe zu geben."

Nicht wenige Menschen, so Wille weiter, hätten in diesen gesellschaftlichen Brüchen "große Verluste erfahren und enorme Ängste entwickelt". Die 62-Jährige, die den MDR seit über zehn Jahren leitet, fasst mit Blick auf die ersten Jahre des Senders zusammen: "Insofern war unser Weg der einer Balance zwischen Annäherung an Neues und Besinnung auf Vertrautes. Mit großem Erfolg."

Doch wie sieht es heute aus? Naturgemäß findet die DDR- und Nachwendegeschichte im MDR noch ausführlich statt - was angesichts der lange herrschenden Ignoranz westdeutscher Medien gegenüber der Erfahrung und den Lebenswelten der "Ossis" mehr als verständlich - ja, logische Folge - ist. Man will im Fernsehen schließlich auch die eigene Biografie repräsentiert sehen. Dass die offensichtlichsten Ostalgie-Shows nun jedoch reflektierteren Formaten gewichen scheinen, mag der Kritik geschuldet sein (auch viele treue MDR-Zuschauer finden sich in Sandmännchen-Rückblicken nicht wieder) oder dem Umstand, dass die DDR-Erfahrung inzwischen nur noch für die Generation 50-plus nachvollziehbar ist. Jedenfalls blicken die Sendungen mittlerweile sowohl erinnernd als auch kritisch auf die vier Jahrzehnte - Dokus beleuchten den DDR-Alltag und das Ost-Fernsehen distanzierter, in Formaten wie "DDR in zehn Minuten" oder "Zeitreise" steht der historische Aspekt im Vordergrund. Aktuell hat der Sender eine Ausweitung von "Eure Geschichte. Das Schulprojekt zur DDR und Nachwendegeschichte" angekündigt.

"Heute hilft uns bei manchen Themen der Blick in die Vergangenheit, um aktuelle Entwicklungen zu verstehen, zu erklären und einzuordnen", bestätigt Intendantin Karola Wille - "Aber nicht nur". Man erzähle auch viele Geschichten von jungen Menschen in Mitteldeutschland, "die nach vorn schauen, Unternehmen gründen, Kreatives erschaffen und die Gesellschaft aktiv gestalten wollen".

Der Anspruch des MDR sei heute noch stärker, "das Neue aus dem Alten heraus zu erzählen - Geschichten aus einer Region, die sich seit 30 Jahren in einem permanenten Veränderungsprozess befindet, große Transformationserfahrungen und -kompetenz entwickelt hat".

Die "moderne Stimme des Ostens"?

Der MDR ist - so kann man tatsächlich beobachten - jünger und vielfältiger als um die Jahrtausendwende. "In unser viertes Jahrzehnt gehen wir mit dem Anspruch 'MDR für alle'". so Intendantin Wille. "Das heißt, dass wir in Zukunft auch Zielgruppen erreichen wollen, die wir bisher zu wenig oder gar nicht erreichen, jüngere Menschen zum Beispiel".

Man wolle auch jene ansprechen, "die Medien anders konsumieren und den MDR bisher eher nicht auf ihrer Playlist hatten", hieß es kürzlich in einer Ankündigung - gemeint sind vor allem Menschen, die vor allem online und in den Mediatheken unterwegs sind. Gelingen soll das auch mit den erfolgreichen Filmen, Reihen und Serien, die der MDR für das Erste produziert, darunter "Katharina Luther", "In aller Freundschaft", "Charité" und der Weimarer "Tatort". Apropos Weimar: Hier, in der Kulturstadt im Herzen des MDR-Sendegebiets, entsteht ab 2022 eine von ARD, ZDF und Deutschlandfunk betriebene "Gemeinschaftseinrichtung Kultur".

Klar, Formate wie "Katrin Weber late night" zielen mit Slogans wie "Den Schalk im Nacken und den Osten auf der Zunge" auf die ostdeutsche Identität - aber Ähnliches tun, mit dem Zelebrieren des Hessischen respektive Bairischen, so manche Sendungen im HR und BR viel intensiver. Mittlerweile spricht der MDR die jüngere und kritischere Zielgruppe bewusster an - was spätestens seit dem Aufstieg rechter Parteien und der verbreiteten Ablehnung staatlicher Coronamaßnahmen im Osten auch gesellschaftliche Relevanz besitzt. So fragte das Jugendformat "MDR-exactly" kürzlich etwa, wie radikal die Impfgegner im Osten von Deutschland eigentlich sind; und die Dokumentation "Respekt! Deutsch. Schwarz. Erfolgreich." beleuchtete die Lebenswelten Schwarzer Deutscher im Osten.

Der MDR versteht sich, geht es nach Intendantin Wille, "als moderne 'Stimme des Ostens". Wichtig sei, "dass wir unseren Wert für die Gesellschaft und für jeden Einzelnen immer wieder kritisch hinterfragen und uns dabei nicht mehr nur als reiner 'Sender' begreifen, sondern für Dialog stehen und natürlich auch zuhören". Dazu gehöre auch "Transparenz über redaktionelle Prozesse und journalistische Arbeitsweisen".

Die aktuell oft diagnostizierte "Spaltung der Gesellschaft" geht auch - und gerade - am MDR nicht spurlos vorbei: "Wir erleben ja gerade auch sehr schmerzhaft als Gesellschaft, wie wichtig es ist, dass die Menschen qualitative, sorgfältig recherchierte Angebote unterscheiden können von Desinformation bis hin zu Fake-News", beobachtet Wille. Mit dem öffentlich-rechtlichen Auftrag trage man "Verantwortung für unser Gemeinwohl und damit auch für das Funktionieren unserer Demokratie in unserem Land. Dazu gehört auch noch stärker die Vielfalt der Gesellschaft, beispielsweise hinsichtlich der Themen, Meinungen und Akteure widerzuspiegeln".

"Brandenburg und Berlin sind in diesem Sender gleich wichtig"

Auch der Rundfunk Berlin Brandenburg blickt am 1. Januar auf "30 Jahre Sendestart" - wobei dies eher seinen Brandenburger Vorgängersender ORB meint, der erst 2002 mit dem ehemals westdeutschen Sender Freies Berlin fusionierte.

Höchstwahrscheinlich liegt es am Einfluss der einst geteilten Millionenmetropole, die für sich genommen immer eine eigene Welt darstellte, dass der RBB viel weniger als der MDR als Ostsender wahrgenommen wird. Genau wie Mecklenburg-Vorpommern damals im NDR aufging, fand hier auch fernsehtechnisch eine Wiedervereinigung statt. Bleibt andererseits die Frage, inwiefern Ost-Themen dabei überhaupt Widerklang finden können. "Brandenburg und Berlin sind in diesem Sender gleich wichtig. Und das gilt auch heute noch, 30 Jahre nach Gründung des ORB und des Sendestandorts Potsdam", heißt es vom Sender auf Anfrage.

Geht es um den Stellenwert des Ostens im RBB, verweist der Sender nicht nur auf das Korrespondentennetzwerk sowie auf die Regionalstudios in Cottbus, Frankfurt (Oder), Perleberg und Prenzlau, sondern auch auf einen der wenigen wirklich erfolgreichen Ost-Exporte: "Unser Sandmännchen ist ein wichtiger Bestandteil des abendlichen RBB-Programms seit den Anfängen des ORB. In alter Tradition kommt das Sandmännchen jeden Abend mit einem neuen Fahrzeug zu den Kindern". Der Fokus auf die wichtigen Dinge scheint sich seit der Wende indes ein wenig verschoben zu haben: "Dabei sind die Vehikel in den letzten Jahren wesentlich umweltfreundlicher geworden", teilt der Sender mit.

Brücke Richtung Osteuropa

In den letzten Jahren - vielleicht seit Patricia Schlesinger 2016 zur Intendantin gewählt wurde -, strahlt der RBB einen überaus kosmopolitischen Anspruch aus. Das liegt auch an Produktionen wie "Kontraste" und "titel thesen temperamente", die eher großstädtisches Publikum ansprechen; das liegt daran, dass der RBB fürs Erste regelmäßig guten Serienstoff a la "Eldorado KaDeWe", den Waschke-"Tatort" oder investigative Dokumentationen wie zuletzt "Weihnachtsmarkt.Anschlag - Das Netzwerk der Islamisten" produziert - und möglicherweise auch daran, dass der Sender Kurt Krömer als Humor-Export und einst sogar Eisbär Kurt als "Süßheits"-Export vorweisen kann. Aber auch daran, dass der RBB mit Blick auf "den Osten" und die brandenburgische Provinz Geschmack und Sensibilität beweist: Sei es mit der charmanten Serie "Warten aufn Bus" oder dem deutsch-polnischen Magazin "Kowalski & Schmidt".

Überhaupt versteht sich der RBB, was den Blick nach Osten angeht, auch als mediale Brücke Richtung Osteuropa. Das zeigen nicht nur die Ermittlungen, die Kommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) im RBB-"Polizeiruf" regelmäßig nach Polen führen. Auch in der Realität übernimmt der RBB ab 2022 die Federführung im ARD-Studio Warschau, das der Sender bislang im Wechsel mit dem WDR verantwortete. "Der Blick zu unseren Nachbarn in Polen gehört zu den konstituierenden journalistischen Aufgaben des RBB, wir sehen die Verständigung über die Ländergrenze hinweg als eines unserer zentralen Anliegen", ließ RBB-Intendantin Schlesinger in einer Mitteilung wissen. Geht es in den kommenden Jahrzehnten also um die Frage, wie viel "Osten" in den regionalen Sendern steckt, darf der Begriff getrost eine Neudefinition bekommen.

Zum Jubiläum läuft im RBB übrigens eine lange ORB-Nacht (Freitag, 7. Januar,,00.10 Uhr bis 05.35 Uhr). Das radioeins-"Medienmagazin" beschäftigt sich am 2. Januar mit dem Thema "30 Jahre ORB".

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