ARD-Fußball-Experte bei der WM 2026

Bastian Schweinsteiger über Nagelsmann-Elf: "Man wird noch nicht richtig schlau aus der Mannschaft"

07.06.2026 von SWYRL/Eric Leimann

Im Interview zum Start der Fußball-WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko spricht Bastian Schweinsteiger über seine Favoriten, eine schwer einzuschätzende deutsche Elf und das "besondere Gefühl" Nationalmannschaft.

Bastian Schweinsteiger ist einer der bekanntesten deutschen Fußballer aller Zeiten - Weltmeister 2014, langjähriger Kapitän des FC Bayern München und späterer Mittelfeldspieler bei Manchester United und Chicago Fire. Nach dem Karriereende 2019 wechselte er ins TV-Geschäft und ist seitdem als Fußballexperte für die ARD tätig. Für das Erste berichtet er - stets im Doppelpack mit Moderatorin Esther Sedlaczek - live aus den Stadien von der Fußball-WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko. Zum ersten Mal ist Bastian Schweinsteiger beim Spiel Kanada - Bosnien und Herzegowina (Freitag, 12. Juni, 20.15 Uhr, Das Erste) auf Sendung. Es ist das Eröffnungsspiel für Co-Gastgeber Kanada im heimischen Toronto. Im Interview spricht der 41-jährige Fußball-Weltmeister Klartext darüber, was er vom umstrittenen XXL-Turnier hält und was passieren muss, damit die deutsche Mannschaft weit kommt. Außerdem räumt er mit Mythen rund um "einfache Gegner" auf und erklärt das "besondere Gefühl" Nationalmannschaft.

teleschau: Was ist der emotionale Unterschied zwischen Spielen für sein Land und seinen Verein?

Bastian Schweinsteiger: Oh, da gibt es mehrere Unterschiede. Vereinsfußball findet täglich statt. Es ist dein Alltag. Man sieht die Mitspieler regelmäßig und hat genauso regelmäßig Spiele. Das schweißt natürlich gehörig zusammen. Mit der Nationalmannschaft ist es anders. Erstens ist die Bühne hier noch mal deutlich größer. Man steht für sein Land, repräsentiert es offiziell. Das macht etwas mit jedem Menschen, wenn plötzlich eine ganze Nation mit rund 83 Millionen Menschen hinter dir steht.

teleschau: Ist es auch ein anderes Mannschaftsgefühl in der Nationalelf?

Schweinsteiger: Ja, das würde ich schon sagen. Es fängt damit an, dass man sich gerade zu Beginn als Gruppe noch etwas fremder ist als in der Vereinsmannschaft. Länger zusammen ist man mit dem Team der Nationalmannschaft, wenn alle zwei Jahre eine Europa- oder Weltmeisterschaft ansteht. Es ist immer eine spannende Sache, wie die Gruppe dann funktioniert und welche Dynamik sich während der Vorbereitung beziehungsweise dem Turnier ergibt.

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"Du denkst schon nach 15 Minuten: Wann ist denn Halbzeit?"

teleschau: 2026 erleben wir erstmals eine WM mit 48 Mannschaften. Finden Sie das sinnvoll?

Schweinsteiger: Ich verstehe den Gedanken, dass man auch Nationen, die sich bisher nicht für eine Weltmeisterschaft qualifizieren konnten, die Chance geben will, dabei zu sein. Das kann dem Fußball in den entsprechenden Ländern auf jeden Fall einen Schub geben. Rein sportlich betrachtet finde ich 48 Mannschaften für das Turnier nicht ideal.

teleschau: Die WM findet in drei großen Flächenländern statt. Das bedeutet: viele lange Reisen für die Athleten. Wie sehr spielt das in Sachen Fitness und Leistung eine Rolle?

Schweinsteiger: Wenn man von Kanada nach Mexiko reisen muss oder umgekehrt - oder auch nur von der Ost- zur Westküste der USA - das spürt man schon. Zum einen ist da die Entfernung, zum anderen gibt es die unterschiedlichen Zeitzonen. Beides macht sich in Sachen Fitness bemerkbar, das weiß ich aus eigener Erfahrung aus meiner Zeit in Chicago. Ein anderer Faktor wird die Hitze sein. Wenn du ein Spiel in der sommerlichen Mittagshitze von Houston hast, denkst du schon nach 15 Minuten: Wann ist denn Halbzeit? Das alles sind natürlich keine leistungssteigernden Faktoren.

teleschau: Was bedeuten solche Bedingungen konkret fürs Spiel?

Schweinsteiger: Dass man stellenweise die Intensität rausnehmen muss. Du kannst dann auf dem Platz keine 90 Minuten vor und zurück powern, so wie in der englischen Premier League. Da muss man Ruhephasen im Spiel einlegen, wo der Ball vielleicht auch mal langsamer läuft.

"Die Spieler sind nicht die Politik ihres Landes"

teleschau: Glauben Sie, dass wir echte Fußballbegeisterung in den USA erleben werden? Also auch bei den Amerikanern selbst ...

Schweinsteiger: Die "Soccer"-Begeisterung in den USA wächst definitiv. Diese WM bietet auf jeden Fall die Chance, dass Fußball näher an traditionelle US-Sportarten wie Basketball und Football heranrückt. Ich glaube sogar, dass wir eine große Euphorie erleben werden, weil die Amerikaner an sich sehr sportbegeistert sind.

teleschau: Sind Sie aufgrund der politischen Lage um die Sicherheit bei der WM besorgt?

Schweinsteiger: Nein. Ich gehe davon aus, dass alles Erdenkliche getan wird, um die Sicherheit des Turniers zu gewährleisten. In der Vergangenheit hatte man auch bei anderen Weltmeisterschaften diese Sorge. Ich hoffe auf gute und friedliche Spiele in den Stadien.

teleschau: Die Politik der USA wird gerade sehr kritisch betrachtet. Kann und darf man das alles ausblenden, wenn während der Fußball-WM der Ball rollt?

Schweinsteiger: Das Turnier und vor allem die Spieler sind nicht die Politik ihres Landes. Es stehen die besten Fußballer eines Landes auf dem Platz, die sich rein auf das Turnier konzentrieren und für einen Sieg kämpfen, dafür haben die Spieler Respekt verdient, und das sollte nicht vergessen werden.

"Man wird noch nicht richtig schlau aus der Mannschaft"

teleschau: Wie wird die deutsche Nationalmannschaft abschneiden?

Schweinsteiger: Wenn wir ins Halbfinale kämen, wäre es für mich ein richtig großer Erfolg. Man darf nicht vergessen: Das beste Ergebnis der deutschen Nationalmannschaft bei großen Turnieren war über die letzten zehn Jahre betrachtet das Viertelfinale bei der EM 2024 in Deutschland. Es gibt andere Nationen, die im Vorfeld mehr Selbstbewusstsein haben dürften. Nationen, die sagen können: Wir wollen den Titel und können ihn auch holen! Ich sage aber auch: Wenn bei uns alles passt, können wir große Nationen wie Frankreich und Spanien schlagen. Aber dafür muss bei uns wirklich alles passen!

teleschau: Welchen Eindruck haben Sie von der deutschen Mannschaft?

Schweinsteiger: Wir haben gute Spielmomente und dann auch wieder weniger gute. Wir erleben immer noch Brüche in unserem Spiel. Momente, in denen es auf einmal wackelig wird oder in eine falsche Richtung läuft. Dann wieder sieht es phasenweise sehr, sehr gut aus. Man wird noch nicht richtig schlau aus der Mannschaft. So richtig ungewöhnlich ist das im Vergleich mit früheren Turnieren aber auch nicht. Es kann sich viel tun im Laufe eines Turniers.

teleschau: In welchen Mannschaftsteilen können wir Deutsche mit der Weltklasse mithalten - und wo sehen Sie Schwachstellen?

Schweinsteiger: Gerade den Bayern München-Block sehe ich schon auf Weltklasse-Niveau: Kimmich, Pavlović, Jonathan Tah, auch Goretzka und natürlich Musiala, wenn er topfit ist. Das sind Spieler, die nahe am Top-Weltniveau dran sind. Was eine Weltklasse-Mannschaft ausmacht, ist jedoch die Konstanz. Spanien oder Frankreich zeigen seit Jahren eine Konstanz, die sich so definiert, dass sie eben immer da sind und auf Top-Niveau agieren, wenn es darauf ankommt.

"Black Box'-Gegner sind oft ein Riesenproblem im Fußball"

teleschau: Wenn alles normal läuft, trifft Deutschland bereits im Achtelfinale auf Frankreich. Haben wir da überhaupt eine Chance?

Schweinsteiger: Frankreich wäre in diesem Spiel klarer Favorit. Wenn wir es aber schaffen, unser Grundniveau auf den Platz zu bringen, ergänzt durch eine gute Tagesform, kann es schon ein enges Spiel werden, das in beide Richtungen kippen könnte.

teleschau: Haben Sie einen klaren Favoriten auf den Weltmeistertitel?

Schweinsteiger: Ja, Frankreich. Ich sehe sie auch im Vergleich zum Mitfavoriten Spanien physisch noch etwas stärker. Die Anzahl der Weltklasse-Spieler bis hinein in die zweite und dritte Reihe ist bei den Franzosen einfach beeindruckend.

teleschau: Dennoch passiert es immer wieder, dass Mitfavoriten im Turnier unerwartet wackelig oder sogar schwach auftreten - und sogar in der Vorrunde ausscheiden. Woran liegt es, dass man solche Szenarien oft schlecht vorhersagen kann?

Schweinsteiger: Es liegt tatsächlich oft am Gegner. Zum Beispiel das erste Spiel des späteren Weltmeisters Argentinien gegen Saudi-Arabien bei der WM in Katar, das die Argentinier 1:2 verloren. Ich glaube, es lag daran, dass die Argentinier die Saudis falsch eingeschätzt hatten, was wiederum daran liegt, dass sie wahrscheinlich noch nicht oft gegen sie gespielt haben. Solche "Black Box"-Gegner sind oft ein Riesenproblem im Fußball. Und das trotz vorheriger Analysten-Tätigkeit und Videostudium. Wenn man gegen einen Gegner auf dem Platz steht, den man nicht kennt, entsteht oft Unsicherheit. Deshalb sehe ich ein Spiel der Deutschen gegen die Elfenbeinküste als durchaus schwierig an. Weil man bislang wenig Vergleiche hatte. Und gegen Ecuador und erst recht gegen Curaçao sieht es nicht viel anders aus.

"Du kriegst dieses Gefühl nicht raus ..."

teleschau: Haben Sie lieber gegen starke, aber bekannte Gegner gespielt?

Schweinsteiger: Ich spielte beispielsweise immer gern gegen Argentinien, denn das hat immer gut geklappt (lacht). Gegen die Italiener war es hingegen immer schwieriger. Am komischsten fand ich immer die Partien gegen Länder, die man schwer einschätzen konnte. Trotzdem gilt auch hier: Jene Favoriten, die auch mit solchen Gegnern am besten klar kommen, schaffen es auch sehr weit im Turnier. Tatsächlich kenne ich es von Weltklassespielern, mit denen ich früher auf dem Platz stand, eher so, dass sie immer die besten Gegner haben wollten. Philipp Lahm hat mir oft gesagt, dass er sich freut, wenn starke Gegner kamen. Ich weiß noch bei der EM 2012, da spielten wir schon in der Gruppenphase gegen die Niederlande, Portugal und Dänemark. Das war natürlich eine Hammergruppe! Trotzdem hat gerade das Freude bei einigen Spielern ausgelöst. So etwas war uns lieber als zum Beispiel 2014 das Spiel gegen Algerien, das sich ja auch als recht schwierig erwies. Da kannte man vorher viele Spieler nicht, vor allem auch nicht die Mentalität einzelner Spieler. Es ist für einen Profisportler immer besser, wenn man möglichst genau weiß, was auf einen zukommt.

teleschau: Sind Sie froh oder eher wehmütig, dass Sie 2026 nicht mehr als Spieler auf dem Rasen stehen?

Schweinsteiger: Gerade, wenn es in Richtung WM oder EM geht, spüre ich, dass es in mir kribbelt. Da würde man schon gern noch mal die Fußballschuhe schnüren. Du kriegst dieses Gefühl nicht raus, wie es ist, wenn du unten auf dem Platz stehst und es gleich losgeht. Durch meine ARD Experten-Tätigkeit bin ich trotzdem nach wie vor nah am Spiel dran und freue mich schon sehr darauf, den Zuschauern während des Turniers die Spiele wieder näherzubringen und zu analysieren.

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