Birgit Schrowange im Interview

"Schlank und aufgespritzt - dieser Einheitsbrei ist langweilig"

24.05.2022 von SWYRL/Frank Rauscher

"Es war damit zu rechnen, dass ich wiederkomme", lacht Birgit Schrowange (64) im Interview: Die langjährige RTL-Moderatorin hat bei SAT.1 angeheuert, und sie hat noch viel vor.

Die Zeiten haben sich geändert: In der Gesellschaft allgemein und im Besonderen auch in der schillernden Welt des Fernsehens gibt es beim Thema Diversität dennoch zahlreiche Baustellen. Birgit Schrowange kennt sie fast alle: Die Moderatorin, die Ende der 70er-Jahre beim WDR als Redaktionsassistentin begann und ab 1994 zu einem Star im Programm von RTL wurde, ist heute auch als selbstbewusste Autorin ("Birgit ungeschminkt: Vom Leben gelernt") und stolzes, weißhaariges Model erfolgreich. "Ich habe ein sehr schönes Weiß - genau wie mein Vater", insistiert die 64-Jährige im Interview, in dem sie genauso nonchalant über sich verändernde Frauenrollen spricht wie über ihr privates Glück mit ihrem Partner Frank Spothelfer sowie natürlich über die Gründe, warum sie bei SAT.1 angeheuert hat, wo Birgit Schrowange am Montag, 30. Mai, mit gleich zwei Formaten abendfüllend auf die große TV-Bühne zurückkehrt. Um 20.15 Uhr startet die Reihe "Birgits starke Frauen", im Anschluss, um 22.15 Uhr, sendet SAT.1 das Porträt "Ich, Birgit Schrowange!"

teleschau: Frau Schrowange, eigentlich sollte Ihre neue Sendung schon Anfang März starten, doch dann kam Ihnen eine Corona-Infektion dazwischen. Wie schlimm war es?

Birgit Schrowange: Ich war ganze vier Wochen lang krank. Und dann waren auch noch andere Beteiligte der Produktion betroffen. Eine wirklich schwierige Zeit, immer wieder musste etwas wegen Covid-19 umgeplant werden.

teleschau: Aber nun geht es los: Sie wagen einen Neuanfang mit Mitte 60 - das ist mal ein Statement!

Schrowange: Danke. Aber ehrlich gesagt nehme ich das gar nicht als Neuanfang wahr. Ja, ich habe vor zwei Jahren mit meinem RTL-Magazin "Extra" aufgehört, aber ich habe nie gesagt, dass ich mich zur Ruhe setze und mich künftig vom Fernsehen fernhalte. Es war damit zu rechnen, dass ich wiederkomme (lacht). Ich mache ja noch viele andere Sachen, und ich war immer offen für Angebote. Es kamen auch einige Sender auf mich zu. Bei SAT.1 hat es gepasst.

teleschau: Was hat Sie überzeugt?

Schrowange: Senderchef Daniel Rosemann, der sich intensiv mit mir als Person auseinandergesetzt hat. Und die erste Formatidee: "Birgits starke Frauen" rückt Frauen in den Mittelpunkt, die oft übersehen werden - Frauen, die ihren Weg gehen. Frauen, die sich nicht abhängig machen. Frauen, die ihre Träume verwirklichen. Frauen, die die Zuschauerinnen inspirieren und motivieren sollen, vielleicht mal das zu machen, was sie schon immer mal machen wollten, sich aber nie zugetraut haben. Frauen, gerade aus meiner Generation, stellen ihr Licht zu oft unter den Scheffel. Das hat mit unserer Erziehung und Sozialisierung zu tun, mit den Umständen der Zeit, aus der wir kommen.

teleschau: Sie sind Jahrgang 1958 ... Wie war das bei Ihnen?

Schrowange: Ich wuchs in den 60er-Jahren auf dem Dorf auf - was glauben Sie? - Da wurde eine Frau zur Bescheidenheit erzogen. Ich ging auf eine reine Mädchenschule, wurde dort im Kochen und in Handarbeit ausgebildet. Jungs konnten sich eindeutig freier entfalten als Mädchen. Sie wurden ja ganz anders erzogen. Dass ich einmal beim Fernsehen lande, war gewissermaßen unmöglich. Ich hatte es mir trotzdem schon als Mädchen vorgenommen - und ich habe es geschafft.

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"Ich wollte vor die Kamera. Aber es waren keine leichten Jahre"

teleschau: Ihre Fernsehkarriere begannen Sie 1978 beim Westdeutschen Rundfunk als Redaktionsassistentin und Fernsehansagerin, dann wechselten Sie zum ZDF ...

Schrowange: Ja, ich wollte vor die Kamera. Aber es waren keine leichten Jahre. Frauen waren damals vor der Kamera einfach nur Beiwerk: Sie waren Assistentinnen oder Ansagerinnen. Taffe Journalistinnen, wie wir sie heute im Fernsehen ja in großer Zahl finden, gab es lange überhaupt nicht im TV. Heute haben wir auch Frauen in Führungspositionen beim Fernsehen - so etwas wäre damals völlig unmöglich gewesen. Ich erinnere mich noch an den Aufschrei, als Barbara Dieckmann 1979 als erste Frau die "Tagesthemen" moderierte ... Das Informationsfernsehen war eine reine Männerdomäne.

teleschau: Sie sind insofern auch eine Pionierin.

Schrowange: Das mag man heute so sehen, aber es fühlt sich nicht so an. Für mich kam der Punkt, an dem ich mich als Frau im Fernsehen wirklich anerkannt und respektiert fühlte, auch erst, als ich 1994 zu RTL wechselte. Ich war damals schon Mitte 30, hatte über zehn Jahre öffentlich-rechtliches Fernsehen hinter mir - auf einmal durfte ich mich im Beruf so richtig ausleben. Das kannte ich bis dato überhaupt nicht. Ich hatte direkt drei Sendungen, wurde von Anfang nie auf mein Alter reduziert und eigentlich auch nie mehr auf mein Frausein. Das war beim ZDF anders - dort habe ich auch unschöne Dinge erlebt und gesehen, wie Frauen mit Mitte 40, Anfang 50 vom Bildschirm genommen wurden.

teleschau: Erlebten Sie nie Sexismus bei RTL?

Schrowange: Nein. Der Sender hatte ja schon die schillernde Gründerzeit hinter sich - ich kam erst nach "Tutti Frutti". Bei RTL lief es für mich von Anfang an geschmeidig, und es ist wirklich so, dass mir und anderen Kolleginnen, die dort nach wie vor auch vor der Kamera gerne arbeiten, das Alter dort nie vorgehalten wurde. Nein, Sexismus habe ich dort wirklich nie erlebt.

"Man muss wohl in kleinen Schritten denken"

teleschau: Vor fünf Jahren haben Sie sich zu einem Makeover entschlossen. In den Medien sorgten Ihre grauen Haare für Furore!

Schrowange: Ja, ich wollte damit natürlich auch etwas symbolisieren. Ich wollte zeigen, dass Frauen wie ich, Frauen um die 60, Frauen mit Kleidergrößen jenseits der 34, Frauen mit grauen Haaren, durchaus noch modern, cool, leistungsfähig und attraktiv sein können.

teleschau: Waren Sie damals nervös, wie der Schritt aufgenommen wird?

Schrowange: Überhaupt nicht. Es war immer mein Herzenswunsch, meine Haare rauswachsen zu lassen. Im September 2017 war es dann so weit - ich war grau. Eine Befreiung, nachdem ich 20 Jahre lang gefärbt habe. Ich finde graue Haare schon immer attraktiv - auch bei Frauen. Es gibt so viele tolle Frauen, die graue Haare haben. In New York trägt frau schon seit 20 Jahren mit Grandezza ihre graue Haarpracht. Bei uns war die Zeit dafür nur etwas später reif. Ich bin sehr zufrieden mit mir - so wie es heute ist: Ich habe ein sehr schönes Weiß - genau wie mein Vater. Meine Haare sehen einfach gut aus!

teleschau: Trotzdem war das damals nicht ganz ohne, oder?

Schrowange: Natürlich nicht. Es gab einen Aufschrei, über den ich mich sehr gewundert habe. Auf der Straße wurde ich staunend angesprochen - aber in den allermeisten Fällen auch mit Bewunderung. Man hat mich zum Mut, so etwas zu tun, beglückwünscht. Das fand ich eigenartig - weil bei der Entscheidung alles Mögliche eine Rolle gespielt hat, Mut jedoch nicht. Ich habe mich immer gefragt, ob sich mein RTL-Kollege Peter Kloeppel auch so etwas anhören muss (lacht).

teleschau: Es war nun mal ein Statement!

Schrowange: Ja, aber nur gegen diesen Schwachsinn, der besagt: Graue Haare machen alt - und zwar nur bei Frauen. Das ist Bullshit!

teleschau: Gehen Sie davon aus, dass diese Art Debatten in der näheren Zukunft nicht mehr geführt werden?

Schrowange: Na ja, so richtig zuversichtlich bin ich da noch nicht. Ich glaube, dass noch lange Frauen mehr oder weniger nur nach ihrem Äußeren bewertet werden. Man muss wohl in kleinen Schritten denken: Es ist absolut begrüßenswert und ein Zeichen des Fortschritts, dass man als Frau heute auch vor der Kamera älter werden darf. Das Fernsehen wird aber immer eine Branche bleiben, in der man eine gewisse Attraktivität mitbringen muss. Inzwischen gilt das auch bei Männern. In den 80er-Jahren waren teilweise Typen vor der Kamera, die hatten Zahnstein, Bauch und Glatze, Frauen hingegen mussten immer sexy aussehen. Heute wissen auch die Männer, wie es ist, wenn man nach Äußerlichkeiten bewertet wird (lacht).

teleschau: Also ist keine Besserung in Sicht?

Schrowange: Doch. Natürlich kommen wir als Frauen in der Gesellschaft ganz anders voran als noch vor 20 Jahren. Aber was dieses unsägliche, dieses kranke Bewerten angeht, wird es momentan ja eher schlimmer. Das liegt an dem furchtbaren Gebaren in den Sozialen Medien, wo sich manche junge Frauen begutachten lassen, als hätte es so etwas wie Emanzipation nie gegeben. Aber das Spiel muss man natürlich nicht mitmachen - schon gar nicht, wenn man in Würde älter werden will. Das macht alles nur unglücklich - obwohl doch jeder weiß, dass das sowieso nur ein großer Fake ist.

"Man wird gelassener, man weiß, wo man steht"

teleschau: Bei "Germany's Next Top Model" sind inzwischen ältere Kandidatinnen dabei - auch Frauen mit Kleidergrößen jenseits der 32.

Schrowange: Das finde ich großartig! Es bildet ab, was in der Gesellschaft gerade vor sich geht. Wir erleben zum Glück inzwischen auch im Netz, dass sich immer mehr Influencerinnen mit dem Thema Body Positivity beschäftigen. Es ist wichtig, dass immer mehr derartige Zeichen gesetzt werden gegen das Künstliche: Schlank und aufgespritzt - dieser Einheitsbrei ist doch langweilig. Vielleicht erleben wir also doch schon die Anfänge einer Umkehr: Die Leute wollen echte Menschen sehen, denke ich.

teleschau: Sie kommen gut klar mit dem Älterwerden, oder?

Schrowange: Absolut. Mir geht es gut - und ich fühle mich nicht schlechter oder unattraktiver als vor 20, 25 Jahren. Warum auch? - Es gibt so viele schöne alte Menschen, denen man ihr Leben auch ansieht - und das soll auch so sein, das ist gut so! Für meine "starken Frauen" habe ich mit der ältesten Pilotin Deutschlands gedreht: Die Frau ist 82 Jahre alt. Sie hat ganz viele Falten - aber sie sieht toll aus und jünger als manche, dreifach überarbeitete Frau mit Mitte 50. Sie hatte die wachesten Augen, in die ich in meinem Leben geblickt habe - voller Glanz und Lebensfreude. Bei Frauen, die krampfhaft versuchen, jung zu bleiben, habe ich so eine Energie noch nie gesehen. Ich fand sie sehr inspirierend.

teleschau: Sie haben sich unlängst mit den Worten zitieren lassen: "Ich möchte das letzte Drittel meines Lebens zu meinem schönsten Lebensabschnitt machen." Was genau haben Sie vor?

Schrowange: (lacht) Ich weiß es noch nicht - das ist ja das Schöne. Es geht für mich in dieser Lebensphase einfach um die Freiheit, das tun zu können, was mich erfüllt, worauf ich Lust habe. Und natürlich um das Wissen, dass ich vieles einfach gar nicht mehr machen muss. Das Wichtigste aber ist: Ich habe einen tollen Partner, mit dem ich sehr glücklich bin. Wir passen perfekt zusammen, blicken in die gleiche Richtung. Und - toi, toi, toi - ich bin gesund, mir tut nichts weh.

teleschau: Verraten Sie uns Ihr Geheimrezept?

Schrowange: Es gibt keines. Vielleicht sind es die Gene. Meine Eltern sind 88 und 89 Jahre alt und immer noch topfit. Wenn ich die so sehe, muss ich keine Angst vor dem Alter haben. Das Älterwerden bringt ja auch viele gute Sachen mit sich.

teleschau: Wie zum Beispiel?

Schrowange: Man wird gelassener, man weiß, wo man steht. Und man kann viel besser Nein sagen als in der Rush-Hour des Lebens. Für mich heißt es: Die Pflicht ist getan, jetzt kommt die Kür - und die gilt es, bewusst zu genießen. Ich kann die Ernte einfahren. Mir ist allerdings bewusst, dass ich all das aus einer durchaus privilegierten Situation sage - es geht nicht allen so gut. Ich bin einfach sehr dankbar für all das Glück, das ich in meinem Leben und in meiner Karriere hatte. Der Weg war für das Mädchen vom Dorf ja gar nicht vorgegeben.

"Man muss das Älterwerden akzeptieren lernen - darum geht es"

teleschau: Wären Sie nicht manchmal gerne noch mal 30?

Schrowange: Nein - weil mir sehr bewusst ist, dass alles im Leben seine Zeit hat. Damals habe ich viel zu oft gefragt, was die anderen wohl über mich denken und mir so viele Gedanken gemacht, wie das, was ich tue, so ankommt ... Damit habe ich heute weitgehend abgeschlossen. Jetzt singe ich zum Beispiel hin und wieder in der Öffentlichkeit (lacht). Sogar im Fernsehen habe ich das ja schon getan - ich war schon dreimal bei Florian Silbereisen, auch wenn ich gar nicht besonders gut singen kann. Ich lasse mir nichts mehr verbieten. Ich bin, wie ich bin. Und damit bin ich total im Reinen. Ich habe auch wenig Verständnis für Frauen meines Alters, die mit ihren Töchtern wetteifern, sich unters Messer legen und wer weiß was tun, um jünger zu wirken. Das ist alles Quatsch. Man muss das Älterwerden akzeptieren lernen - darum geht es. Ich lebe im Hier und Jetzt, und ich kann mich auch an kleinen Dingen freuen.

teleschau: Und an den großen: Sie haben sich mit Ihrem Lebensgefährten Frank Spothelfer auf Mallorca ein zweites Zuhause geschaffen!

Schrowange: Ja. Es war immer mein Wunsch, irgendwann einmal im Süden so ein Domizil zu haben. Jetzt sind wir in Santa Ponça fündig geworden: ein wunderschönes Apartment in einer Anlage im marokkanischen Stil. Das haben wir kernsaniert und zu einem Ort gemacht, an dem wir glücklich sind.

teleschau: Gibt es weitere Träume?

Schrowange: Ja, ich möchte mit meinem Mann eine Weltreise machen!

teleschau: Jetzt haben Sie schon "Mann" gesagt.

Schrowange: (lacht) Ich meinte natürlich, meinen "zukünftigen Mann". Ich habe das ja Ende des vergangenen Jahres schon öffentlich gemacht: Im nächsten Jahr feiere ich meinen 65. Geburtstag, bis dahin ist das Fräulein bei mir weg.

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