Tatort: Es lebe der König! - So. 13.12. - ARD: 20.15 Uhr

Der neue "Tatort" aus Münster: Hier wird TV-Geschichte geschrieben

10.12.2020 von SWYRL/Jens Szameit

Die Pandemie hat ein weiteres prominentes Opfer: Am Sonntag läuft der erste Post-Lockdown-"Tatort" mit Boerne und Thiel. Dass Corona hier erstmals den Ton angab, wird nicht nur durch die dünne Personaldecke und den Applaus vom Band deutlich.

Kreativität ist gefragt in diesen alles zerwühlenden Zeiten. Das gilt nicht zuletzt auch für die "Tatort"-Macher. Schon jetzt darf man gespannt sein, was die Produzenten den erschwerten Drehbedingungen an Möglichkeiten abringen werden. Dräut die Renaissance des Kammerspiels? Sehen wir verstärkt Flucht-Thriller in einsamen Wäldern? Oder lernen wir den Reiz des Video-Verhörs schätzen?

Wie groß die Herausforderung für die Kreativen ist, lässt sich bemessen, da nun der erste "Tatort" gesendet wird, der im Juni nach dem Corona-Lockdown vollständig unter Pandemie-Bedingungen gedreht wurde (die Jubiläums-Doppelfolge war zum Teil betroffen). "Es lebe der König!" heißt er, und wer den Münsteraner Publikumslieblingen Professor Boerne (Jan Josef Liefers) und Kommissar Thiel (Axel Prahl) etwas genauer auf die Finger sieht, stellt fest: Hier wurde getrickst und improvisiert, dass sich die Burgbalken biegen.

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Dünne Personaldecke und Applaus vom Band

Ohne nachgezählt zu haben, drängt sich der Eindruck auf, mit dem schauspielernden Personal könne man nicht mal eine Fußballmannschaft regelkonform bestücken. Und wenn das kurzfristig angepasste Drehbuch (Benjamin Hessler) behauptet, dass Hunderte Gäste einer Theateraufführung beiwohnen, behilft sich die Regie (Buket Alakus) mit dem Bild eines ausgelasteten Parkplatzbereichs und Applaus vom Band. "Allen Beteiligten war es wichtig, trotz der besonderen Produktionsumstände einen 'Tatort' zu inszenieren, der nicht auffällig als ein Film, der in der Corona-Zeit gedreht wurde, wahrgenommen wird", lässt sich die Produzentin Iris Kiefer zitieren. Das ist ihr zu wünschen. Aber vielleicht auch eher unrealistisch.

Immerhin ließ sich die epidemiologisch motivierte Devise "Raus aus der Stadt!" mit szenischem Schauwert umsetzen. Gedreht wurde hauptsächlich auf einer mittelalterlichen Wasserburg, die im Film "Haus Lüdecke" heißt (und in Wahrheit das Schloss Hülchrath im niederrheinischen Grevenbroich ist). Hier liegt eingangs der Burgherr tot im Wassergraben, natürlich in Ritterkluft, so viel Spaß am Mord muss in Münster immer sein.

Der Burgherr, so stellt sich heraus, war mal einschlägig als "Kirmeskönig" der Region bekannt und hatte nach dem erst kurz zurückliegenden Burgerwerb der Geldnot geschuldete Pläne vorangetrieben, die geschichtsträchtige Immobilie in einen Freizeitpark umzuwandeln. Tatsächlich war jener Manfred Radtke jedoch nicht nur pleite, sondern auch dement, eine denkbar schlechte Kombination. Als mordverdächtig gelten in Ermangelung weiterer handlungsrelevanter Figuren seine junge Witwe (Violetta Schurawlow), seine geschäftstüchtige Tochter (Sandra Borgmann) sowie deren gutmütiger Bruder (Marek Harloff).

Professor Boerne macht den Moonwalk

Mit den Mitteln der Geschichtstravestie wird noch das Kapitel der Wiedertäufer gestreift, die im Münster des 16. Jahrhunderts blutige Spuren hinterließen. Hängen bleiben wird neben rudimentärem Mittelalterwissen aber vor allem Professor Boernes völlig unmotivierter und umso verblüffenderer Michael-Jackson-Moonwalk in Ritterkluft. Viel ist das freilich nicht.

Als Krimi funktioniert das alles auch nur bedingt gut. Als Zeitdokument - und das ist der "Tatort" ja nicht zuletzt - könnte diese Folge aber später mal von unschätzbarem Wert sein. Allein der Anblick des doch arg zugewachsenen Kommissars kann künftige Generationen mahnen: Längerfristige Schließungen von Friseurbetrieben sollte eine Gesellschaft unter allen Umständen vermeiden.

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