Udo Bölts erinnert sich

Vor 25 Jahren gewann Jan Ullrich die Tour de France: Hat Bölts wirklich "Quäl' dich, du Sau" gesagt?

24.07.2022 von SWYRL/Frank Rauscher

"Quäl dich, du Sau": Ex-Profi Udo Bölts trieb Jan Ullrich 1997 über die Gipfel der Vogesen. 25 Jahre danach beantwortete er in einem NDR-Podcast, ob er den legenderen Satz damals wirklich genau so gesagt hat.

Es war der 24. Juli 1997, als ein mythenumranktes Kapitel deutscher Radsporthistorie geschrieben werden sollte: Die Tour de France ist in der entscheidenden Phase - und daheim kaut halb Fernsehdeutschland an den Nägeln, weil mit Jan Ullrich erstmals ein deutscher Fahrer die Tour gewinnen könnte. Natürlich kann sich in der ganzen Euphorie niemand zu diesem Zeitpunkt vorstellen, dass die meisten Fahrer gedopt sind. Nein, all die Misstöne und Skandale kamen später.

Jetzt sollte erst einmal Geschichte gemacht werden. Die viertletzte Etappe jener Tour führt noch einmal hoch hinauf in die Vogesen. Ullrich fährt bei seiner zweiten Frankreichrundfahrt in Gelb, aber er schwächelt plötzlich. Der erste Sieg eines Deutschen bei der legendären Tour ist zum Greifen nah und hängt nun doch am seidenen Faden. Nicht nur Ullrich, sondern vor allem sein wichtigster Helfer Udo Bölts, heute 55, wird an diesem Tag zur Radsport-Legende. Er treibt den späteren Gesamtsieger der Tour durch diese Berge. Berühmt wird er mit dem Satz: "Quäl' dich, du Sau". Den soll er Ullrich während der Etappe zugerufen haben - offenbar als Motivation. Legende oder Wahrheit?

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"Das war verrückt"

Udo Bölts sprach nun im absolut hörenswerten NDR-Podcast "Jan Ullrich. Held auf Zeit." (in der ARD-Audiothek) über jene ikonischen Tour-Momente. "Das war verrückt", sagt Bölts im Podcast, der parallel zur fünfteiligen TV-Doku-Reihe "Being Jan Ullrich" (in der ARD Mediathek) veröffentlicht wurde. Die deutschen Fans hätten "die Vogesen gestürmt". Der damalige "Edel-Helfer" erinnert sich an: Lärm, Chaos, Autos, Helikopter, Motorräder und natürlich "Menschen, die schreien". Er bekomme heute noch Gänsehaut.

Ullrich, so Bölts im Gespräch mit dem Autor Moritz Cassalette, habe damals beim Beschleunigen am Berg plötzlich nicht mehr mitfahren können. Andere seien bereits weggefahren, aber "wir konnten nur diesen einen Rhythmus fahren". Und dann sagte er ihm die berühmten vier Worte? Nein! - "Ich hab's nicht gesagt, ich hab's eigentlich geschrien", lautet Bölts' Antwort. Die Emotionen kochten offenbar hoch, weil die Gefahr bestand, "dass wir die drei Wochen Mühen in den Sand setzen".

Möglicherweise stimmt aber auch diese Version nicht so ganz. Die Podcastmacher fanden im Archiv eine Interviewsequenz, laut der Bölts direkt nach der Zielankunft erklärte, er habe zu Ullrich gesagt: "Reiß dich zusammen, du Sau!" Petitessen. Was zählt, ist, dass Jan Ullrich seine Schwäche überwand und Gelb bis nach Paris verteidigen konnte.

Eine Zeit, aus der diverse Mythen überliefert sind

Wenn nun, am Sonntag, 24. Juli, die 109. Tour de France zu Ende geht, lohnt es sich ganz besonders, auf jene Ära zurückzublicken. Vor 25 Jahren war ganz Deutschland Radsport-verrückt. Und wie immer, wenn eine Sportart plötzlich gewaltige Wellen schlägt, hatte dies auch mit einem deutschen Sporthelden zu tun. Was Michael Schumacher oder Sven Hannawald für die Formel 1, das Skispringen und für RTL waren, was ein Boris Becker für das Tennis war, das war Jan Ullrich für den Radsport und für ARD und ZDF.

Die Sender waren fraglos schon damals hervorragend aufgestellt, sachkundige Experten und teils atemberaubende Bilder, auch jene faszinierenden Luftaufnahmen mit dem sonoren Knattern der Hubschrauberrotoren als Begleitmusik, alles war bereits Standard. Aber erst mit einer Identifikationsfigur aus dem eigenen Land konnte das Fernsehen jene Dramen erzählen, die eine Sportart braucht, um das kollektive Bewusstsein nachhaltig zu beeindrucken. Im NDR-Podcast erinnert sich der heute 80-jährige Herbert Watterott, der seinerzeit die Tour für die ARD kommentierte, unter anderem an den großen Stilisten Jan Ullrich. Es sei eine Augenweide gewesen, ihm zuzusehen.

Heute, da der Radsport zum Glück längst nicht mehr mit Dopingskandalen für Schlagzeilen sorgt, sondern auch aus deutscher Sicht wieder mit echten Kämpfernaturen aufwartet, mit Protagonisten wie Bergtrikot-Jäger Simon Geschke oder dem Beinahe-Gelb-Träger Lennard Kämna, wirkt der Hype von damals trotzdem fast unwirklich. Aber es war so: Ein halbes Land schlüpfte in meist zu enge Magenta-Shirts, Radsport, was die epischen Bilder angeht, sowieso die schönste aller Fernsehsportarten, wurde Premiumprodukt - auch für die Marketingstrategen der Wirtschaft, und das aus gutem Grund: Unvergessen die großen Duelle Ullrichs mit Pantani und dann vor allem Lance Armstrong. Eine Zeit, aus der diverse Mythen überliefert sind. Nicht nur jene Geschichte von 1997, als UIlrich auf der 18. Etappe in den Vogesen schwächelte und ihn Edelhelfer Udo Bölts mit dem direkt in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommenen Bonmot anfeuerte.

Ebenso unvergessen sind auch die immer neuen Formprobleme Ullrichs, der in den irrsinnig hohen Erwartungshaltungen seiner heiß gelaufenen Landseute seinen wohl größten Gegner hatte. Als Ullrich 1997 siegte, war er 23 Jahre alt - einer der jüngsten Tour-Gewinner aller Zeiten, das schürte eine "Jetzt geht's los"-Stimmung, der er nicht gewachsen sein konnte.

Gibt es einen neuen Radsport-Hype?

Dem Toursieger von 1997 verdanken das Fernsehen und der deutsche Radsport vieles. Zugleich aber ist der Mann, der für den Podcast übrigens nicht als Gesprächspartner zur Verfügung stand, auch die tragische Figur, die erst einmal mit dem Zusammenbruch des Hypes verbunden bleiben wird. Fakt ist, dass es seit dem letzten wirklich ambitionierten Versuch Ullrichs im Jahr 2003, den pro Etappe noch im Schnitt 3,1 Millionen Zuschauer.

Längst sind es deutlich weniger, und doch deutete auch die aktuelle Tour an, welches gigantische Potenzial da schlummert. Die Übertragung der Königsetappe nach l'Alpe d'Huez verfolgten 1,50 Millionen Zuschauer im Ersten, ein Marktanteil von 14,5 Prozent. Man kann sich vorstellen, was los wäre, wenn ein deutscher Fahrer mit Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard um den Sieg konkurrieren würde. Sofern der Radsport sauber bleibt, stünde neuerlichen großen Zeiten gewiss nichts im Wege.

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