Neue Dokuserie

Wilder Tanz durch die Großraumdiskos: Doku-Reihe blickt auf das junge Ostdeutschland der 90er-Jahre

15.11.2022 von SWYRL/Jan-Niklas Jäger

Die Neunzigerjahre gelten im Rückblick als sorgenfreiere Zeit. Die ARD-Dokuserie "Jung, wild, grenzenlos" lenkt den Blick auf die Jugend der damals neuen Bundesländer.

Was haben die 90er-Jahre und unsere Jugendzeit gemeinsam? Wir neigen dazu, beides im nachhinein zu verklären. So gelten die Neunziger in der Zeitgeschichte heute als weitgehend unbeschwerte Zeit: bunt, frei, aufregend, ausgeflippt. Auf die eigene Jugend hingegen blickt man zumeist aus ganz persönlichen Gründen mit nostalgischen Gefühlen zurück, egal, wie man alt man nun gerade ist.

Die neue ARD-Dokuserie "Jung, wild, grenzenlos", die ab Mittwoch, 16. November, in der ARD-Mediathek abrufbar sein wird, kombiniert beides - die persönliche Nostalgie für die Neunziger und die zeitgeschichtliche Perspektive - und richtet dabei den Blick auf die damals neuen Bundesländer: In vier Folgen kommen Menschen zu Wort, die das frisch wiedervereinigte Deutschland als Jugendliche oder junge Erwachsene erlebten.

"Für uns ist es spannend, die Neunziger-Jugendkultur im Osten zu beleuchten und die positive Energie, mit der viele junge Leute in das neue System starten", sagen die beiden Regisseure Kathrin Schwiering und Alexander Kühne. "Der Jammer-Ossi bleibt bei uns draußen."

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Musikkultur im Fokus

Die Serie legt ihren Fokus auf die Musikkultur jener Zeit. Das macht auch Sinn, denn kaum eine andere Kunstform ist so eng mit unseren Erinnerungen verknüpft und so gut darin, Gefühle wieder heraufzubeschwören, die sie einst in uns ausgelöst hatte.

Einige der prominenten Musikgenres der Dekade dienen den Serienmachern Schwiering und Kühne als Leitfaden: Die erste Folge der Reihe beschäftigt sich mit Alternative Rock, die zweite mit den Mainstream-Hits der Großraumdiskotheken, die dritte mit Techno und die vierte mit Ostrock.

Andere beliebte Subkulturen der Zeit werden ausgespart oder nur am Rande erwähnt: Punk, HipHop oder Gothic-Rock etwa spielen keine Rolle. Aber die Serie stellt auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Viel mehr geht es um persönliche Erfahrungen und darum, wie Einzelpersonen die Zeit erlebt haben.

"Da warst du noch nicht so tief"

Natürlich wird jede dieser Geschichten in einen größeren kulturellen und manchmal auch politischen Kontext eingeordnet. Der rote Faden jedoch läuft entlang der Linien der persönlichen Erfahrungen der Protagonisten.

Denn egal, ob Rocker, Raver oder Popper: Alle kommen zu dem Schluss, dass es eine besondere, sorgenfreiere Zeit war damals. "Damals war das einzige Highlight das Wochenende", sagt die einstmals begeisterte Diskobesucherin Yvonne und kann dabei die eine oder andere Träne nicht unterdrücken. "Da warst du noch nicht so tief. Das war so eine ganz angenehme Oberflächlichkeit."

"Bei uns war's pure Lebensfreude"

Selbst in der an sich rebellischeren Alternative-Rock-Szene herrschte aus ostdeutscher Sicht diese Unbeschwertheit, zumindest wenn man das in der ersten Folge porträtierte ehemalige Pärchen Denise und Thomas fragt. Letzterer sagt, man habe trotz durch DDR-Bildung bedingter mangelhafter Englischkenntnisse "natürlich mitbekommen, dass da eher gegen das Establishment rebelliert wurde." Der eigene Anreiz, Konzerte von Bands wie Sonic Youth oder Pantera zu besuchen, war aber ein anderer: "Bei uns war's pure Lebensfreude und das Wildsein."

Das verbindet wiederum auch Rocker und Raver. Denn pure Lebensfreude ungezähmt auszuleben, ist das wichtigste Credo der Techno-Subkultur. "Dass die DDR-Jugend plötzlich die neue Freiheit hatte und dann plötzlich eine Musik kam, die auch der Clubszene weltweit eine neue Freiheit gegeben hat, das hat sich natürlich gut getroffen", sagt der Techno-DJ Daniel Stolze.

Das ist dann auch der größte gemeinsame Nenner zwischen diesen Gruppen: Sie wollten das neu gewonnene Gefühl von Freiheit auskosten.

"Irgendwo die Seele rauslassen"

So mögen die Popper in den Großraumdiskos und die Raver in subkulturellen Techno-Clubs zu unterschiedlicher Musik getanzt haben. Doch beide verbindet die Freude daran, aus dem Alltag auszubrechen und in einer anonymen Masse aus sich herauszugehen. So entsteht im Lauf der Serie ein Bild von unterschiedlichen Menschen, die doch mehr verbindet, als sie vermutlich selbst angenommen hätten.

Etwas aus der Reihe fällt die letzte Folge, aber vielleicht ist sie genau deswegen für sich genommen die spannendste. Unter dem Motto "Alte Helden, neues Leben" werden Anhänger alter Ostrock-Bands wie Silly oder den Puhdys porträtiert. Weil diese ihre neue Freiheit wahrnahmen, um Vertretern ihrer alten Kultur hinterherzureisen, entsteht eine interessante Ambivalenz. Auch das Thema der im Laufe des Jahrzehnts auftretenden "Ostalgie" wird kritisch aber fair reflektiert.

Dass nicht alles damals gut war, wird durchaus auch erwähnt. So geht es kurz um Neonazis, Autounfälle wegen Alkohol am Steuer und Arbeitslosigkeit. Aber es sind nur Randthemen. Unterm Strich bleibt ein Zeitgeist, den der Diskotheken-Besitzer Wolfgang Förster so zusammenfasst: "Es war besonders wichtig, dass man irgendwo die Seele rauslassen und mit anderen feiern und vergessen kann."

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