Samantha Morton im Interview zu "The Serpent Queen"

"Wir leben in besseren Zeiten, als wir uns eingestehen"

01.09.2022 von SWYRL/Elisa Eberle

Als Alpha kämpfte sie in "The Walking Dead" ums Überleben. Nun schlüpft Samantha Morton in die Rolle der einflussreichen Katharina von Medici in "The Serpent Queen" (Starzplay). Ein Gespräch über starke Frauen und die Faszination für historische Stoffe.

Sie wusste schon früh, was sie vom Leben wollte: Bereits im zarten Alter von gerade einmal 13 Jahren stand Samantha Morton erstmals vor der Kamera. Neun Jahre später wurde sie als beste Nebendarstellerin in Woody Allens " Sweet and Lowdown" (1999) sowie 2004 als beste Hauptdarstellerin in "In America" für einen Oscar nominiert. Dem jüngeren Publikum dürfte die heute 45-jährige Engländerin jedoch erst seit den letzten Jahren bekannt sein: 2016 mimte sie die fanatische Hexenjägerin Mary Lou Barebone in dem "Harry Potter"-Prequel "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind". Zuletzt kämpfte sie als Antagonistin Alpha in der Zombie-Apokalysen-Serie "The Walking Dead" ums nackte Überleben.

Nun übernimmt Samantha Morton eine nicht minder ungemütlliche Rolle: In der Starzplay-Serie "The Serpent Queen" (ab 11. September) mimt sie die gefürchtete französische Königin Katharina von Medici, die von 1519 bis 1589 lebte. Im Interview spricht Morton über die Faszination historischer Serien und verrät, warum "The Serpent Queen" dennoch etwas anderes ist. Außerdem wirft die Mutter dreier Töchter einen Blick auf die Situation von Schauspielerinnen jenseits der 40. Und sie verrät, welche Rolle sie schon immer einmal spielen wollte.

teleschau: Frau Morton, was macht in Ihren Augen eine gute Regentin aus?

Samantha Morton: (überlegt) Freundlichkeit, Toleranz und Bildung: Eine gute Monarchin muss sich weiterbilden. Wahrscheinlich muss sie in der heutigen Zeit viele Sprachen sprechen können. Sie muss in der Lage sein, mit anderen Königreichen zu kommunizieren.

teleschau: Welche dieser Eigenschaften erfüllt Katharina von Medici?

Morton: Sie erfüllt viele dieser Eigenschaften, oder nicht? Sie ist nicht nur schwarz oder nur weiß wie manche andere. Sie ist sehr weise. Sie hat überlebt. Sie ist sehr liebevoll und sehr loyal.

teleschau: Könnten Sie sich vorstellen, eine derart wichtige Aufgabe wie Katharina von Medici zu übernehmen?

Morton: Ich denke, dass das Leben einem manchmal Situationen vorsetzt, aus denen man entweder aufsteigen kann wie der Phönix aus der Asche, oder man kann sagen: "Das ist nichts für mich." Ich denke, dass die Politik etwas ist, das mich in meinem Leben interessiert. Ich bin im Moment Schauspielerin und Schriftstellerin. Aber ich arbeite für verschiedene Wohltätigkeitsorganisationen. Wenn es ein Amt wäre, das mir wirklich am Herzen liegt, könnte ich mir durchaus vorstellen, eine Rolle zu übernehmen, in der ich für Menschen einstehe, die sonst niemanden haben, der für sie spricht. Ich könnte mir das nicht in einer königlichen, aber sicherlich in einer politischen Funktion vorstellen.

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"Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der wir sofortige Befriedigung wollen"

teleschau: Was können wir aus der Geschichte von Katharina de Medici lernen?

Morton: Im Moment sieht es so aus, als ob Katharina an die Gerechtigkeit glaubt und überlebt. Sie ist unglaublich stoisch und geduldig. Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der wir sofortige Befriedigung wollen. Seien es Twitter, Instagram, TikTok. Alles ist schnell. Wir wollen nicht mehr einkaufen gehen. Alles, was wir bekommen können, lassen wir uns direkt vor die Haustür liefern. Und ich finde diesen Aspekt der Gesellschaft ein bisschen traurig, diese Art von sofortiger Befriedigung. Katharina lässt es langsamer angehen.

teleschau: Heißt das, Sie glauben, dass das Leben damals in gewisser Weise einfacher war als heutzutage?

Morton: Nein, ganz und gar nicht. Für niemanden. Wir leben in besseren Zeiten, als wir uns eingestehen, nicht in Bezug auf die Umwelt, leider, aber in Bezug darauf, wie weit wir als Planet gekommen sind. Es gibt viel mehr Positives, als die Medien uns glauben machen wollen.

"Ich lese keinen Klatsch und Tratsch"

teleschau: Würden Sie sagen, dass Katharina di Medici in Sachen Selbstbestimmung weiter war als es Frauen, insbesondere adelige Frauen, heutzutage sind?

Morton: Ich kann diese Frage nicht wirklich beantworten, weil ich heute keine adeligen Frau kenne. Und ich lese auch nichts über Adelige.

teleschau: Interessiert es Sie einfach nicht?

Morton: Ich habe drei Kinder, ich bin berufstätige Schauspielerin. Ich lese keinen Klatsch und Tratsch. Es ist nicht so, dass ich nicht daran interessiert wäre, es ist nur so, dass ich sehr beschäftigt bin und mich für alle möglichen Dinge interessiere.

Über das große Interesse an historischen Serien

teleschau: Historischen Serien in Amerika boomen: Man denke nur an die weltweiten Erfolge von "Outlander", "Bridgerton" oder "The Great". Was fasziniert ausgerechnet die freiheitsliebenden US-Amerikaner aber auch das junge Publikum weltweit an derlei Stoffen?

Morton: Ich bin keine Amerikanerin, sodass ich nicht so eloquent antworten kann, wie Sie es wahrscheinlich gerne hätten. Ich kann etwas über historische Dramen sagen und warum sie auf globaler Ebene faszinierend sind. Ich glaube, es liegt daran, dass sich die Geschichte wiederholt. Und es ist sehr, sehr wichtig für uns, der Geschichte nicht auszuweichen. Wir müssen uns mit ihr auseinandersetzen, so unangenehm manches davon auch sein mag. Sie sprachen von der Serie "Bridgerton", die in gewisser Weise soziologisch ist wie Jane Austen. "Outlander" ist ein bisschen anders. Dort gibt es das Fantasy-Element, aber auch Liebe, Gefühle und Politik. "The Serpent Queen" unterscheidet sich ein wenig von all diesen Serien.

teleschau: Inwiefern?

Morton: Für mich wirkt "The Serpent Queen" ein bisschen moderner. Wir tragen zwar all die schönen Kleider, aber die Geschichte könnte sich so auch heute hinter den Kulissen der Weltpolitik ereignen. Katharina spielt ein politisches Spiel. Sie versucht, den Frieden zu bewahren. Und das ist absolut außerordentlich. Aber ich glaube, diese Sendungen sind auch deshalb so beliebt, weil sie den Menschen das Gefühl geben, dass sie der ganzen Negativität entfliehen können. Es sieht so schön aus. Die Kostüme sind unglaublich. Wir haben im echten Chenonceau gedreht, im echten Chambord. Es ist einfach atemberaubend, diese Art von Kinematografie anzuschauen. Aber wir haben immer noch eine wirklich, wirklich tolle Geschichte. Das ist das Markenzeichen eines jeden großartigen Films oder einer Fernsehshow: die Geschichte. Und ihre Geschichte ist unglaublich.

teleschau: Aber warum sprechen Serien wie "The Serpent Queen" vor allem junge Frauen an?

Morton: Oh, ich bin da eher anderer Meinung. Ich denke, dass die Serie verschiedene Gruppen anspricht. Denn natürlich erzählt sie von Catherine und den anderen jungen Leute am Hof. Aber die Serie handelt genauso von den älteren Leuten am Hof. Ich würde also hoffen, dass die Serie sowohl Leute anspricht, die historische Dramen lieben, als auch Leute, die "Stranger Things" schauen.

"Wir brauchen Gleichberechtigung auf der Leinwand"

teleschau: In Deutschland hört man hin und wieder, dass es Schauspielerinnen mittleren Alters schwerer haben, interessante Rollenangebote zu bekommen. Sie sind 45 Jahre alt. Sehen Sie sich im Nachteil gegenüber jüngeren Kolleginnen?

Morton: Hier im Vereinigten Königreich spüre ich persönlich von diesen Problemen glücklicherweise nichts. Als junge Schauspielerin habe ich keine glamourösen Rollen, sondern immer knallharte Rollen gespielt. Und ich denke, das hat mir glücklicherweise eine lange Überlebensdauer beschert. Was ich an Frankreich liebe, ist, dass die älteren Frauen gefeiert und bejubelt werden. Sie sind im Kino und in der Geschichte sehr präsent. In Amerika arbeiten viele ältere Schauspielerinnen. Wir brauchen mehr Autorinnen. Ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist, aber ich denke, wir brauchen generell mehr weibliche Geschichten. Wir brauchen einfach eine Gleichberechtigung auf der Leinwand. Ich denke, wir werden besser. Ich persönlich fühle mich sehr privilegiert und bin stolz, sagen zu können, dass ich im Moment weiterarbeite.

teleschau: Ihre Filmbiografie besteht aus vielen mächtigen Frauenfiguren, die teils auch eine dunkle Seite haben. Was fasziniert Sie daran?

Morton: In gewisser Weise kommen die Rollen vielleicht zu mir, weil die Leute mir zutrauen, sie zu spielen. Ich fühle mich zu Rollen hingezogen, die gut geschrieben sind und die ihren Platz auf der Seite verdient haben, die wichtige Geschichten zu erzählen haben. In gewisser Weise fordern sie das Publikum heraus, anders über etwas zu denken. Und auch ich möchte, dass mein Leben interessant ist. Wenn man die ganze Zeit die gleiche Rolle spielt oder nur als man selbst vor der Kamera steht, ist das etwas anderes. Ich habe mich nie besonders dazu hingezogen gefühlt, auf der Leinwand ich selbst zu sein. Ich mag die Herausforderung anspruchsvoller Rollen.

teleschau: Welche Rolle wollten Sie schon immer einmal spielen, bekamen bislang aber nicht die Gelegenheit dazu?

Morton: Die des James-Bond-Bösewichts! (lacht) Denn das sind immer Männer. Ich denke, die Bösewichte sind oft besser geschrieben. Sie sind oft sehr interessant. Sie haben interessante Hintergrundgeschichten. Ich denke einfach, dass sie immer sehr, sehr cool sind.

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