"Super League: Das Spiel abseits des Feldes" bei Apple TV+

Apple-Doku über gescheiterte "Super League": Wollte der FIFA-Boss die Privatliga?

13.01.2023 von SWYRL/Eric Leimann

In vier Teilen erzählt die Apple-Dokumentation "Super League: Das Spiel abseits des Feldes" (ab Freitag, 13. Januar) von vier Tagen im April 2021, die die Ordnung des europäischen Fußballs (fast) zum Einsturz brachten. Im Doku-Thriller spielt mal wieder FIFA-Boss Gianni Infantino eine dubiose Rolle.

Es gibt einen Helden im fast vier Stunden langen Doku-Thriller "Super League: Das Spiel abseits des Feldes", und der heißt Aleksander Čeferin, seines Zeichens UEFA-Präsident. Der sehnige slowenische Jurist und Karate-Crack, seit 2016 im Amt, wird im Doku-Vierteiler des amerikanischen Filmemachers Jeff Zimbalist ("Die zwei Escobars - Kolumbien, der Fußball und die Drogen") früh zum Helden aufgebaut. Als Mann, der sein Wort hält, den Fußball liebt und Werte wie Gerechtigkeit und Fairness über den Kommerz stellt. Zu Beginn der Doku muss Zimbalist dem globalen - oder ist es das amerikanische?- Publikum erst mal erklären, warum Auf- und Abstieg fair ist und dass sich um das Vielfache mehr Menschen für das Champions League-Endspiel oder sogar die Premier League interessieren als für den Super Bowl. Die englische Meisterschaft von Leicester City 2016, als ein eben noch Fast-Absteiger sich in einer Fabelsaison gegen jene (damals noch) sechs "Big Clubs" durchsetzte, die von Scheichs, Oligarchen oder amerikanischen Milliardären quasi unerschöpfliche finanzielle Mittel zugeschossen bekommen, darf als wahres Märchen der Fußballromantiker noch einmal erzählt werden.

Es geht in der Doku also um den Gegensatz eines sportlich offenen Systems, in dem Träume wie die von Leicester wahr werden können, und jenem der im April 2021 vorgestellten Super League, in der die besten Mannschaften des Kontinents in einer Art "closed shop" gegeneinander spielen sollten. Weil man aus dieser Super League nicht absteigen kann und immer qualifiziert ist, können Einnahmen sehr viel besser geplant werden. Die amerikanische Großbank JP Morgan wollte jedem der zwölf Clubs, die hinter dem Rücken der die Champions League ausrichtenden UEFA im Geheimen paktierten, zum Start der Super League 3,5 Milliarden Dollar zahlen. Dass es anders kam, ja dass das Projekt Super League binnen drei oder vier Tagen aus dem Nichts ausgerufen wurde und nach europaweiten Protesten von Fans, Politik und eben auch klugen Krisen/Kampf-Managements Čeferins scheiterte, davon erzählt die Doku bei Apple TV+ ein wenig zu ausführlich, aber durchaus spannend und im gewohnt edlen Bild-Standard gegenwärtiger Streaming-Sport-Dokus.

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"Die Super League wäre so, als gäbe es im Kino nur noch Blockbuster zu sehen"

Dabei ist jedem Tag des UEFA-Kongresses in Montreux vom April 2021, als die Ereignisse esaklierten, eine Folge des Films gewidmet. Aufgebaut ist er wie ein Polit-Thriller: Wer sagte was wann? Wer redete mit wem und worüber? Und in welcher Rede kulminierte das Ganze? Zur Erinnerung: Zwölf große Clubs hatten damals ihre Bereitschaft erklärt, bei der Super League mitzumachen. Aus Italien Juventus Turin, AC Mailand und Inter Mailand. Die spanischen Clubs FC Barceona, Real Madrid und Atlético Madrid. Schließlich die Premier League-Verteter FC Arsenal, FC Chelsea, FC Liverpool, Manchester City, Manchester United und Tottenham Hotspur. Andere Großclubs wie Paris St. Germain und der FC Bayern München sollten ein baldiges Beitrittsrecht erhalten, sie traten jedoch nicht als Initiatoren und entschiedene "Mitläufer" des Ganzen auf.

"Auf den Konsolen spielen die Kids auch nur die besten Clubs gegeneinander, man muss sich an die reale Welt adaptieren", sagt ein Finanzmann von Real Madrids Präsidenten und Super League-Fan Florentino Pérez im Film. Der Fußball als globales Fan-Produkt ohne lokalen Bezug. "Die Super League wäre so, als gäbe es im Kino nur noch Blockbuster zu sehen", sagt ein Gegner der Überliga. Wer Arthaus- oder überraschende Filme sehen will, muss vielleicht die Sportart wechseln.

Die Zeichnung Aleksander Čeferins könnte dem Filmemacher vielleicht dennoch ein Spur zu idealistisch geraten sein, denn auch er steht für zunehmende Kommerzialisierung. Wenn auch vielleicht für eine, die dem finanziell "nötigen" Wachstum eine Spur mehr Anstrich von Gerechtigkeit und Querfinanzierung kleinerer Ligen, Länder und Vereinen verleiht. In der Doku darf Čeferin dann erzählen, wie er - Jahrgang 1967 - im sozialistischen Ex-Jugoslawien aufwuchs, wo der Firmenchef und ein Handwerker nebenan in gleich großen Häusern wohnten.

War Infantino heimlicher Unterstützer der Super League?

Čeferins Freundschaft mit European Club Association-Mann und Juve-Boss Andrea Agnelli sicherte lange Zeit den Frieden zwischen den großen Clubs und der UEFA, erfährt man in Teil eins der Doku. Später dann wird Agnelli Čeferin, den Taufpaten seines jüngsten Kindes, hintergehen, weil er heimliches Gründungsmitglied der geplanten Super League wird. Bis heute kann der Slowene dem italienischen Groß-Industriellen dies nicht verzeihen.

Überhaupt ist es erstaunlich, dass fast alle großen Vereinsbosse, allesamt super-mächtige und super-reiche Männer, der Doku für Interviews zur Verfügung standen. Einer jedoch bildet eine Ausnahme: Gianni Infantino, als FIFA-Präsident immer wieder auch Gegenspieler Čeferins, sprang dem Verbandskollegen in einer Rede auf besagtem Kongress zur Seite. Auch er sei gegen die Super League. Vereine, die mitmachten, müssten mit den Konsequenzen leben. Und die hießen nun mal: Ausschluss aus den Veranstaltungen der UEFA und FIFA, inklusive Welt- und Europameisterschaften. Neben den europaweiten Protesten von Fans, Medien und Politik, sicher ein weiterer Grund dafür, dass sich bald auch prominente Spieler der Super League-Vereine in spe von der Idee distanzierten.

Gianni Infantino, und hier wird die Apple-Doku im letzten Teil dann doch noch "investigativ", soll laut Zeugenaussagen im Film jedoch durchaus von den Super League-Plänen der abtrünnigen Vereine gewusst haben. Und ihnen im Gegenzug für deren Unterstützung bei seinen Plänen einer erweiterten Club-WM wiederum seinen Support zugesagt haben. Als sich binnen der vier im Film gezeigten Erdrutsch-Tage der Wind drehte und sich immer mehr Super League-Clubs vom eigenen Vorstoß verabschiedeten, ruderte wohl auch der Politiker Infantino zurück, heißt es in der Doku, um den Schulterschluss mit der UEFA zu üben.

Die viermal knapp 60 Minuten "Super League: Das Spiel abseits des Feldes" zeigen, dass der erste Angriff des großen Geldes auf das letzte verblieben Gut des kommerziellen Fußballs, seine sportliche Durchlässigkeit, erst mal abgewehrt ist. Doch auch in der Champions League werden die großen Clubs nach einer Reform aufgrund "früherer Leistungen" ab 2024 bevorzugt. Zudem haben mächtige Strippenzieher wie Pérez und Agnelli das Projekt Super League keineswegs aufgegeben. Für sie ist die weitere Kommerzialisierung alternativlos, um das Produkt Fußball im globalen Wettkampf um Aufmerksamkeit zu retten. Man kann nur hoffen, dass sie sich irren.

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