Tatort: Azra - Mo. 29.05. - ARD: 20.15 Uhr

Die Wienerin, die an sich glaubt

25.05.2023 von SWYRL/Eric Leimann

Endlich mal wieder Organisiertes Verbrechen in Wien. Im "Tatort: Azra" schicken Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser) eine junge verdeckte Ermittlerin auf ein Himmelfahrtskommando zur georgischen Mafia. Ein spannendes Versteckspiel - mit unerwarteten Wendungen.

Die georgische Mafia war in Österreich - und auch in Deutschland - vor allem um das Jahr 2010 herum in den Schlagzeilen. Damals schienen die "Diebe im Gesetz", wie sie sich selber nennen, für eine enorme Zahl bestens organisierter Einbrüchen in Westeuropa verantwortlich. Dann gelangen einige Schläge gegen das Organisierte Verbrechen aus der ehemaligen Sowjetrepublik (bis 1991) am Schwarzen Meer. 2018 gab es dann Berichte in österreichischen Medien, dass die "Familien" wieder aktiver würden in der Alpenrepublik - nur diesmal mit anderen, schwerer aufzudeckenden Geschäften. Der neue Wiener "Tatort: Azra" erzählt von der fiktiven georgischen Mafia-Familie Datviani, die Wien im Griff hat.

Als der Bruder des Paten Beka Datviani (Lasha Bakradze) nachts auf einem Parkplatz erschossen wird, versuchen die Ermittler Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser) der schweigsamen Familie irgendwie nahezukommen. Wie man sich denken kann, gestaltet sich dies alles andere als einfach. Doch die Polizei beschäftigt eine verdeckte Ermittlerin in einem Club, der von den Datvianis betrieben wird. Die junge Azra (Mariam Hage) kennt Moritz Eisner von früher. Sie kommt aus schwierigen Junkie-Familienverhältnissen, aus denen sie sich herausgekämpft hat. Das imponiert Eisner, der für die junge Frau wohl väterliche Gefühle hegt.

Azra ist überzeugt davon, dass sie sich von ihrem Türsteher-Job näher an den Kern der Familie heranarbeiten kann. Aber schafft die überaus selbstbewusste und angstfrei wirkende Frau wirklich alles, was sie sich vornimmt? Neben Paten-Vater Beka gibt es bei den Datvianis noch dessen Tochter und rechte Hand Tinatin (Mariam Avaliani) sowie den heißblütigen Sohn Irakli (Vladimir Korneev). Kann Azra sie alle täuschen und bei ihren Ermittlungen unentdeckt bleiben?

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Wien statt Chicago: Hätte es Al Capone hier besser gehabt?

Am Anfang ihrer Mord-Ermittlung stellen Eisner und Fellner fest, dass bereits die Kollegen von der Wirtschafts-Kriminalität an den Datvianis dran sind. Mittlerweile investiert die Mafia ihr Geld wohl verstärkt in "legale" Geschäftsmodelle, was die Überführung der Bösewichte via klassischer Verbrechen schwieriger macht. Eisner jedoch ist skeptisch, ob der Plan funktioniert, die Mafia eher wegen Geldwäsche denn wegen ihrer Morde anzuklagen. "Al Capone haben sie damals auch wegen Steuerhinterziehung dran gekriegt", gibt Fellner zu bedenken. Darauf Eisner: "Ja, in Chicago." Fellner fragt: "Ja, und?". Eisner antwortet: "Wen interessiert bei uns ein Finanzdelikt?"

Endlich ist Wien, jene großartige europäische Metropole, über die manche sagen, hier begänne der Balkan, mal wieder Schauplatz eines "Tatortes" über das Organisierte Verbrechen. Starke Milieufilme waren früher mal eine Stärke des Standorts. Zuletzt widmete man sich - in sehr unterschiedlicher Qualität - jedoch anderen Erzählgenres. Über das noch recht junge "Tatort"-Debütanten-Team Sarah Wassermair (Drehbuch) und Dominik Hartl (Regie) kehrt man nun zu alten ORF-"Tatort"-Erzählfeldern zurück. Doch "Azra" stellt, wie der Titel verrät, die junge Ermittlerin mindestens ebenso sehr in den Mittelpunkt, wie die Mafia-Familie selbst.

Welches Geheimnis hat die junge Frau, die sich von ganz unten nach oben kämpfen will? Oder sollte man besser fragen: Über welche Superkräfte verfügt sie? Als Azra ihrem Mentor Eisner eine heikle Mission vorschlägt, die gegen polizeiliche Regeln verstößt, spürt der erfahrene Ermittler die große Versuchung, sich darauf einzulassen. Doch die Mission könnte Azra enorm gefährden. Selbst wenn in dem Verhältnis Eisner/Azra vielleicht noch mehr Potenzial geschlummert hätte: Der "Tatort" verzichtet aufs ganz große Psycho-Plot und wendet sich stattdessen einem spannenden Versteckspiel zu. Das macht er gut, wofür das Charisma der 31-jährigen Österreicherin Mariam Hage (mit serbischen und libanesischen Wurzeln) nicht ganz unerheblich ist.

So viel Georgien steckt in diesem Krimi

Noch ein Lob fürs Casting: Die georgischen Hauptrollen sind tatsächlich mit georgisch-stämmigen Darstellerinnen und Darstellern besetzt. "Pate" Lasha Bakradze ist nicht nur Schauspieler, sondern auch ein politisch sehr aktiver Journalist. Vladimir Korneev, der den leicht tumben Schönlings-Sohn eventuell eine Spur übertrieben zeichnet, tritt auch als Chanson-Sänger auf. Dagegen überzeugt dessen "Filmschwester" Mariam Avaliani als erbarmungslose Businessfrau der neuen Mafia-Generation.

Nach dem leisen, sehr feinen Februar-Fall "Was ist das für eine Welt" über eine Generation junger Wiener Hochleistungs-Optimierer, ist "Azra" nun ein klassisches Mafia-Krimistück über Vertrauen und Täuschung. Sehr gelungen sind beide bisherigen Wien-Erzählungen des Krimijahres 2023.

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