31.05.2026 von SWYRL/Rachel Kasuch
Nach dem Welterfolg von "Baby Reindeer" hätte Richard Gadd alles machen können. Stattdessen entschied er sich für den schwierigsten Weg - und spricht nun offen über Druck, Zweifel und die Angst, stehen zu bleiben.
Der Erfolg von "Baby Reindeer" hat Richard Gadds Leben verändert. Die Serie wurde zu einem weltweiten Phänomen, brachte ihm Emmy-Auszeichnungen und machte ihn praktisch über Nacht zu einem der gefragtesten Autoren und Schauspieler der Branche. Doch statt den Erfolg auszukosten, traf Gadd eine überraschende Entscheidung. "Ich wollte mich nicht auf meinen Lorbeeren ausruhen", sagt er im Gespräch mit der Agentur teleschau.
Noch während "Baby Reindeer" um die Welt ging, wusste er bereits, welches Projekt als Nächstes kommen würde. "Half Man" lag seit Jahren in der Schublade. Die erste Episode hatte er bereits 2019 geschrieben - lange bevor jemand wusste, wer Richard Gadd überhaupt ist.
Zum Staffelfinale der HBO-Max-Serie blickt der Schotte nun offen auf die Entstehung zurück. Und auf die Frage, warum er sich unmittelbar nach seinem größten Erfolg erneut einem so düsteren Stoff widmete. "Ich musste wieder aufsteigen und es noch einmal versuchen", gesteht Gadd.
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"Ich glaube nicht, dass Menschen entweder gut oder schlecht sind"
Leicht sei das nicht gewesen. Denn der 37-Jährige schreibt nicht einfach Geschichten. Er verschwindet regelrecht in ihnen. "Ich arbeite rund um die Uhr. Wochenenden, Abende - alles", sagt er gegenüber teleschau. Manche würden das vermutlich ungesund nennen. Er selbst beschreibt es anders. "Ich muss einfach alles geben, damit ich später nie zurückblicke und denke, ich hätte nicht alles versucht." Diese Haltung zieht sich durch seine gesamte Karriere. Vielleicht auch deshalb wirken seine Serien oft so intensiv. So unbequem. Und manchmal schwer auszuhalten.
Mit "Half Man" erzählt Gadd die Geschichte zweier Männer, deren Freundschaft von Gewalt, Schmerz und jahrzehntelanger emotionaler Unterdrückung geprägt wird. Im Gespräch mit teleschau wird schnell klar: Für ihn geht es dabei nicht darum, moralische Lektionen zu erteilen. Ganz im Gegenteil. "Ich setze mich nie hin, um Antworten zu finden", sagt er. Je tiefer er in die Figuren eintauche, desto komplizierter werde alles. "Eigentlich bin ich heute weiter von Antworten entfernt als zuvor." Ein Gedanke, der ihn offenbar nicht frustriert - sondern antreibt.
Besonders wichtig sei ihm dabei, Menschen nicht in Gut und Böse einzuteilen. "Ich glaube nicht, dass Menschen entweder gut oder schlecht sind", sagt Gadd gegenüber teleschau. Jeder trage beides in sich. Fehler. Schmerz. Dinge, auf die man stolz ist. Und Dinge, die man bereut. "Menschen sind voller Widersprüche." Genau deshalb interessieren ihn Figuren, die schwer auszuhalten sind. Nicht, weil sie schockieren. Sondern, weil sie menschlich sind.
Zum Staffelfinale von "Half Man" bleibt deshalb vor allem eine Erkenntnis. Richard Gadd interessiert sich nicht für einfache Wahrheiten. Nicht für Helden. Nicht für Schurken. Sondern für die komplizierten Grauzonen dazwischen. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum seine Geschichten so lange nachwirken. Denn selbst er weiß am Ende oft nicht genau, wer recht hat. Und genau das gefällt ihm.


