09.05.2026 von SWYRL/Jürgen Winzer
Kein Deutscher war häufiger beim Eurovision Song Contest als Ralph Siegel. Der legendäre Komponist gilt als "Mister Grand Prix". 1982 schuf er den Song, mit dem Nicole des ersten ESC-Sieg für Deutschland holte. Aber der Triumph begann mit Tränen, wie er in einer ARD-Doku eröffnet.
Für das große Jubiläum stellte auch er sich zur Verfügung. Dabei war Ralph Siegel (80) in den letzten Jahren oft gesundheitlich angeschlagen. Aber für "70 Jahre ESC - More than Music", die ARD-Dokumentation von Christopher Kaufmann, setzte er sich doch zum Interview vors Mikrofon. Und er hatte Erstaunliches zu berichten.
München, Frühjahr 1982: Seit der Eurovision Song Contest (ESC), hierzulande bis 2001 als "Grand Prix Eurovision de la Chanson" bekannt, 1956 erstmals stattfand, war Deutschland immer dabei gewesen. Und Ralph Siegel als Komponist schon fünfmal. Aber gewonnen hatten weder er noch Deutschland. Das wollte Siegel ändern.
In der Hoch-Zeit des Kalten Krieges, der Sorgen der Welt um den Frieden, komponierte er eine Hymne der Hoffnung. "Ein bißchen Frieden" heißt das Rührstück und mit Nicole, einem 17-jährigen Teenie aus Saarbrücken, fand Siegel die optimale Botschafterin: blond, schüchtern, unschuldig. Und sie konnte singen!
In der Doku berichtet Siegel gerührt, wie ihn Nicole zu einem Heulkrampf trieb. Allerdings nicht aus Wut oder Schmerz, sondern vor Wonne. Er hatte das Stück komponiert, Nicole lernte den Text, dann nahmen sie ein Demo auf, "schnell, nur mit vier, fünf Instrumenten", berichtet Siegel. Als Nicole das Lied quasi aus dem Stand emotional intonierte, habe er im Studio einen Heulkrampf bekommen - vor Begeisterung. "Ich sagte nur: 'Damit gewinnen wir die Eurovision! Damit gewinnen wir!" Und so kam es dann auch, 24. April 1982 im nordenglischen Kurort Harrogate. Und Ralph Siegel hatte es endlich auf den europäischen Thron geschafft.
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Ralph Siegel landete eine einmalige Erfolgs-Serie beim ESC
Der ESC, der große Traum von Ralph Siegel. Er war elf, als er erstmals zusah, weil sein Vater den Titel "Telefon, Telefon" für Deutschland geschrieben hatte, den Margot Hielscher 1957 in Frankfurt am Main auf Platz vier sang. 27 Jahre später war Siegel erstmals als Komponist dabei, allerdings nicht für Deutschland. In Brighton trat die in Deutschland sehr bekannte deutsch-britische Schlagersängerin Ireen Sheer für Luxemburg an. Mit Siegels Titel "Bye Bye, I Love You" belegte Sheer Platz vier. An den Sieg war nicht zu denken - den fuhren ABBA mit "Waterloo" ein.
Siegels erster ESC-Start für Deutschland geriet mit "Sing Sang Song" von den Les Humphries Singers mit Platz 15 beim ESC 1975 in Den Haag noch eher zum Misston, danach aber setzte Siegel zur Hit-Serie an:
- 1979 Platz vier mit "Dschinghis Khan" von Dschinghis Khan.
- 1980 Platz zwei mit "Theater" von Katja Ebstein für Deutschland und beim selben ESC in Den Haag Platz neun mit "Papa Pingouin" von Sophie & Magaly für Luxemburg.
- 1981 führte der Deutschland mit Lena Valaitis und seinem Lied "Johnny Blue" in Dublin auf Rang zwei.
- Und dann der Sieg mit Nicole 1982 - eine solche Serie dürfte für einen Komponisten einzigartig sein.
Wachablösung: Alf Igel ließ Ralph Siegel wütend werden
Siegel-Titel belegten nach dem Siegerjahr 1982 noch einmal Rang zwei (1987, Wind, "Laß die Sonne in Dein Herz") und zweimal Platz drei (1994 und 1999). Dann war Siegels große ESC-Zeit vorbei. "Das Rezept, das vorher gegolten hatte, galt nicht mehr", beschreibt es Conchita Wurst, die 2015 den ESC mit "Rise Like A Phoenix" für Österreich gewann.
Der Mann mit dem neuen - vorerst - sicheren Rezept hieß Stefan Raab. Dessen und Siegels Wege kreuzten sich 1997 zum ersten Mal. Beim deutschen Vorentscheid schickte Siegel drei (!) seiner Titel ins Rennen. Aber Guildo Horns "Guildo hat euch lieb" siegte. Komponiert hatte es Stefan Raab. Unter dem provokanten Pseudonym "Alf Igel". "Da ging das schon mal los", sagt Siegel in der Doku über den Beginn einer jahrelangen intensiven Abneigung.
So wie Siegel den deutschen ESC-Apparat jahrelang dominiert hatte, wurde jetzt Raab zum Zampano. Horn wurde 1998 in Birmingham Siebter, Raab selbst erreichte mit " Wadde hadde dudde da?" 2000 in Stockholm den fünften Platz, Max Mutzke führte er 2004 in Istanbul mit "Can't Wait Until Tonight" auf Platz acht.
Ralph Siegel drohte Johnny Logan: "Wenn ich dich beim ESC noch einmal sehe, bring ich dich um"
2010 machte Raab fast alles. Er initiierte die Vorentscheidungsshow "Unser Star für Oslo" und fand ihn in Lena Meyer-Landrut. Er produzierte den Titel "Satellite", mit dem Lena am 29. Mai 2010 den ESC in Oslo gewann. 2011 wurde Lena mit "Taken By A Stranger" beim Projekt "Titelverteidigung" Zehnte, 2012 schaffte es Roman Lob mit "Standing Still" auf Rang acht.
Stefan Raab zog sich danach aus der ESC-Welt und dem TV zurück. Ralph Siegel dagegen setzte 2012 noch mal zu einer ESC-Serie an. Bis 2017 war er fünfmal für Malta am Start. Viermal war seine Interpretin Valentina Monetta, einmal das Duo Michele Perniola & Anita Simoncini. Aber bei fünf Teilnahmen war viermal im Halbfinale Endstation. Nur 2016 erreichte Monetta das ESC-Finale - und wurde 24. und somit Drittletzter. Insgesamt war Siegel mit 25 Titeln an ESC-Events vertreten.
"Er war besessen vom ESC", meint Johnny Logan über "Mr. Grand Prix". Zweimal, 1980 und 1987 gewann Logan - und beide Mal landeten Siegel-Titel auf Platz zwei. Nach dem ESC 1987 in Brüssel, als Logan vor der Gruppe Wind gewann, nahm Siegel Logan beiseite. Der Ire berichtet: "Er sagte zu mir: Wenn ich dich noch einmal beim ESC sehe, dann bring ich dich um."
Die Doku "70 Jahre ESC - More than Music" ist ab Fretag, 8. Mai, in der ARD Mediathek und am Montag, 11. Mai, um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.



