Die Macht der Frauen - Fr. 18.11. - ARTE: 20.15 Uhr

Hängt die Gerechtigkeit an einem Kabelbinder?

15.11.2022 von SWYRL/Wilfried Geldner

Sexuelle Nötigung, Vergewaltigung, Körperverletzung - das sind die Delikte, für die Annabelle Martinelli (Natalia Wörner) als Berliner Anwältin zuständig ist. Im Fall einer mit einem Polizisten verheirateten Schuhverkäuferin scheint alles offensichtlich zu sein. Und doch kommt es zur Katastrophe.

Wäre es nicht längst geschrieben gewesen: Johnny Depp und Amber Heard könnten samt ihrem schmutzigen Ehekrieg Pate gestanden haben. Auch in Lars Beckers Psychodrama "Die Macht der Frauen" geht es um mögliche Vergewaltigung in der Ehe, um Körperverletzung und sexuelle Nötigung. Vor Gericht wird Aussage gegen Aussage stehen, es fehlt an Zeugen und Beweisen. Der Einstieg ist geradezu symbolhaft stark. In ihrem Schuhladen stößt die Schuhverkäuferin Doreen (Nurit Hirschfeld) mit ihrem Mann zusammen, ein Kartonberg liegt auf dem Boden. War es Absicht, Böswilligkeit? - Das bleibt zunächst verborgen, zumal Doreens Mann Leon (David Schütter) sofort behilflich ist beim Einsammeln der Kartons. Eine Frau, die den Vorgang mit wachem Auge beobachtet hat, drückt Doreen hilfsbereit die Karte einer Anwältin in die Hand, sie möge sich bei dieser melden.

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Das Gute wird hier nicht über das Böse siegen

Doreen hat da schon den Entschluss gefasst, von zu Hause auszuziehen, bei einer Nachbarin ist sie untergekommen. Und sie ist nun bereit, ihren Mann anzuzeigen. Seit zwei Jahren wurde sie von Leon gepeinigt. Vor den Nachbarn hat sie die Übergriffe verheimlicht, beim Arzt Ausreden erfunden. Die Spuren der Vergewaltigungen ließ sie nie ärztlich untersuchen, das Beweismittel fehlt.

Immerhin: Die Polizisten finden einen Kabelbinder mit Blutspuren am Bett - ein mögliches Indiz für Gewaltanwendung. Als Branko Dragovic (Slavko Popadic) und seine Kollegin gewahr werden, dass Leon gleichfalls Polizist ist und offensichtlich dessen Karriere auf dem Spiel steht, lassen sie auf dessen Aufforderung hin den Kabelbinder verschwinden.

Es hätte gar nicht der späteren Aufforderung des Revierchefs bedurft, sich auf die Seite des beschuldigten Polizisten zu stellen - auch so hätte man bemerkt, dass hier mit Lars Becker ein Fachmann fürs abwegige Polizeigewerbe gearbeitet hat. Die Korruption spielt eine gewichtige Rolle, und das Gute wird hier nicht unbedingt über das Böse siegen. So wird hier der konventionelle Polizeithriller mit dem besonderen Ehedrama verquickt. Hinzu kommen ja auch noch die Anwälte der beiden Seiten, Annabelle Martinelli (Natalia Wörner) und John Quante (Fritz Karl, die einander gegenüberstehen: sie mit Herz und Verstand, er ein cooler Justizstratege. Da tendiert der genau beobachtete Vergewaltigungsthriller fast zum Court-TV, wobei nicht zuletzt die dramatische Wendung mit tragischem Ausgang eher unwahrscheinlich wirkt.

"In jeder zweiten Ehe"

Am Ende lecken sich die mit in den Strudel hinabgezogenen Anwälte etwas zu lange die Wunden. Auch wenn Ähnliches nicht "in jeder zweiten Ehe" passieren dürfte, wie der Anwalt des übergriffigen Polizisten behauptet, so wird hier doch ein vielfach vertuschtes Kapitel aufgeschlagen, die Dunkelziffer ist hoch. Beckers Realismus aber nimmt lange Zeit gefangen, obwohl der Zuschauer längst weiß, auf welcher Seite er zu stehen hat. Die Szenen im Frauenhaus, wohin Doreen sich flüchtet, sind übrigens die besten des Films. Sie wirken leider eher beängstiegend als erlösend.

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