"Little Bird" - Do. 23.05. - ARTE: 21.45 Uhr

Kanadas dunkle Geschichte: Die Zwangsadoption indigener Kinder in weiße Familien

19.05.2024 von SWYRL/Susanne Bald

Jahrzehntelang wurden in Kanada indigene Kinder ihren Familien und ihrer Kultur entrissen und in Internaten umerzogen. Andere wurden von "weißen" Familien zwangsadoptiert - so wie die Protagonistin der Miniserie "Little Bird". Als junge Frau geht sie auf die schmerzhafte Suche nach ihren Wurzeln.

Bis heute hat Kanada mit den Folgen der Unterdrückung seiner Ureinwohner zu kämpfen, besonders auch, was den Umgang mit deren Kindern betrifft. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1996 wurden insgesamt etwa 150.000 indigene Kinder aus ihren Familien und ihrer Kultur gerissen und in Residential Schools - speziellen Internaten - umerzogen. Während des sogenannten "Sixties Scoop" zwischen den 50er- und 80er-Jahren wurden zudem etwa 20.000 indigene Kinder in "weiße" Familien zwangsadoptiert. Vor diesem Hintergrund spielt die sehenswerte kanadische Dramaserie "Little Bird", die nun auf ARTE ausgestrahlt wird. Beim Serienfestival Séries Mania 2023 gewann der Sechsteiler den Publikumspreis, bei den Canadian Screen Awards Ende Mai ist er 19-mal nominiert.

Die Protagonistin der Serie, Esther Rosenblum (Darla Contois), wurde als Bezhig Little Bird im Long Pine Reservat in Saskatchewan geboren. Ihre Eltern Eltern Patti (Ellyn Jade) und Morris (Osawa Muskwa) hatten nicht viel, kümmerten sich aber liebevoll und fürsorglich um ihre vier Kinder. Dennoch nahm das Jugendamt ihnen 1968 die fünfjährige Bezhig und zwei ihrer Geschwister wegen angeblicher Vernachlässigung weg. Wenig später adoptierte die Familie Rosenblum Bezhig, benannte sie in Esther um und zog sie nach jüdischen Vorstellungen auf. Heute, 1985, ist sie 22 Jahre alt, hat ein Jurastudium absolviert und sich gerade mit dem Arzt David (Rowen Kahn) verlobt.

Abonniere doch jetzt unseren Newsletter.

Abonniere doch jetzt unseren Newsletter
Mit Anklicken des Anmeldebuttons willige ich ein, dass mir die teleschau GmbH den von mir ausgewählten Newsletter per E-Mail zusenden darf. Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und kann den Newsletter jederzeit kostenlos abbestellen.

Die Suche nach den Wurzeln

An ihre Wurzeln kann sich Esther kaum mehr erinnern, doch das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören, und nicht zuletzt die Vorurteile von Davids Mutter ihr gegenüber lösen nun den dringenden Wunsch in ihr aus, nach ihrer Geburtsfamilie zu suchen. Ein schwieriges Unterfangen, denn sie hat nur wenige Informationen, und die Behörden und Menschen, die ihr helfen könnten, verwehren ihr die Auskunft. Doch ein Anhaltspunkt ist das Wissen um die Existenz ihrer Schwester Dora.

Die Serie springt geschickt zwischen den Jahren und Ereignissen, begleitet Esther bei der Suche nach ihren Wurzeln, zeigt aber auch, wie es nach dem schicksalhaften Tag im Jahr 1968 für alle Beteiligten weiterging: Bezhigs Weg zu ihrer neuen Familie, vor allem aber auch die Verzweiflung ihrer Eltern, der unermüdliche Kampf ihrer Mutter Patti um ihre geliebten Kinder, das Zerbrechen der Familie und das Abgleiten des einzigen verbliebenen Sohnes Leo auf die schiefe Bahn.

Auch zwischen Esther und ihrer Adoptivfamilie, insbesondere ihrer Mutter Golda (Lisa Edelstein), kommt es zu Konflikten, als sie die wahren Hintergründe ihrer Adoption erfährt. Je mehr Esther über ihre Geburtsfamilie und ihre Wurzeln herausfindet, desto mehr entfremdet sie sich von ihrer zweiten Familie und von David. Ein quälender Zugehörigkeits- und Identitätskonflikt, der sie an ihre Grenzen bringt.

Nachwirkungen bis heute

Jennifer Podemski, selbst zum Teil indigen, zum Teil jüdisch, entwickelte den Stoff für die Serie gemeinsam mit der jüdischen Autorin Hannah Moscovitch. Ihnen war wichtig, möglichst viele Perspektiven der Geschichte zu beleuchten. Viele Elemente seien "für jeden nachvollziehbar, was Identität betrifft, Familie und die Frage, wer du bist und woher du kommst", erklärte sie dem "Toronto Star" zum Serienstart 2023. Auch die beiden Regisseurinnen von "Little Bird", Zoe Hopkins und Elle-Máijá Tailfeathers, sind indigene Kanadierinnen.

Wenngleich es die Zwangsadoptionen und kirchlichen Internate - in denen indigene Kinder Missbrauch, Misshandlung, Hunger und Krankheiten ausgesetzt waren und viele von ihnen starben - nicht mehr gibt: Noch immer werden laut UNO überproportional viele indigene Kinder in Kanada gegen ihren Willen ihren Familien weggenommen und in meist nicht indigenen Familien untergebracht, mehr als je zuvor. Immer wieder gibt es Schlagzeilen über den Fund von Massengräbern indigener Kinder auf früheren Schulgeländen - und immer wieder zahlt der Staat hohe Entschädigungssummen an indigene Völker.

Das könnte dir auch gefallen


Trending auf SWYRL