31.03.2025 von SWYRL/Christopher Diekhaus
Mit Starbesetzung, darunter Jude Law und Daniel Brühl, rekonstruiert Ron Howard irrwitzige reale Ereignisse um deutschsprachige Auswanderer, die zwischen den beiden Weltkriegen auf einer kargen Galapagosinsel aneinandergerieten. Der Abenteuerthriller "Eden" macht daraus zu wenig.
"The Galapagos Affair: Satan Came to Eden" lautet der vielsagende Titel eines Dokumentarfilms, der 2014 auf der Berlinale zu sehen war. Prominente Schauspieler wie Cate Blanchett, Sebastian Koch, Thomas Kretschmann und Diane Kruger tragen darin Tagebuchpassagen und Erinnerungen deutschsprachiger Auswanderer vor, die sich zwischen den beiden Weltkriegen auf der bis dahin unbewohnten Galapagosinsel Floreana niederließen - und sich in heftige Konflikte verstrickten.
Angesichts der Zutaten - Neid, Gier, Sex, Mord und ein exotischer Schauplatz - ist es verwunderlich, dass der schon in den 1930er-Jahren für Aufsehen sorgende Stoff erst jetzt eine Hollywood-Dramatisierung erfahren hat. Journalisten und Schriftsteller aus aller Welt befassten sich bereits ausgiebig mit den bis heute nicht restlos geklärten Geschehnissen. Und auch einige der Beteiligten heizten mit ihren veröffentlichten Schilderungen das Interesse an dem Fall an.
US-Regisseur Ron Howard, bekannt für Filme wie "Apollo 13" (1995), "A Beautiful Mind: Genie und Wahnsinn" (2001) und "The Da Vinci Code - Sakrileg" (2006), entbrannte vor vielen Jahren für die bizarren Ereignisse und zeichnet sie nun in seinem Abenteuerthriller "Eden" nach. Die paradiesischen Vorstellungen, die der Titel beschwört, zerschlagen sich freilich sehr schnell. Denn wie so oft erweist sich hier der Mensch als sein eigener größter Feind.
Abonniere unseren Newsletter und wir versprechen, deine Mailadresse nur dafür zu verwenden.
Auf schlechte Nachbarschaft!
Eine existenzialistische Note klingt in der Figur des Pioniers Dr. Friedrich Ritter (Jude Law) an, der zusammen mit seiner an Multipler Sklerose erkrankten Geliebten Dore Strauch (Vanessa Kirby) Ende der 1920er-Jahre aus der bürgerlichen Gesellschaft und einem wirtschaftlich gebeutelten Europa auf das karge Pazifikeiland Floreana flieht. Das Zusammenleben möchte der von Friedrich Nietzsche und Arthur Schopenhauer beeinflusste Arzt völlig neu denken und schreibt im vermeintlichen Paradies an einem Werk, das die Geschichte der Menschheit verändern soll. Kleiner geht es nicht!
Nachbarschaft ist schon unter normalen Bedingungen nicht immer einfach. Auf einer abgelegenen Insel kann das Miteinander aber erst recht zu einer gewaltigen Herausforderung werden. Zumindest dann, wenn man wie Ritter und Strauch keine Lust auf andere Bewohner hat. Das Auftauchen von Familie Wittmer - Vater Heinz (Daniel Brühl), Mutter Margret (Sydney Sweeney) und Sohn Harry (Jonathan Tittel) - gefällt den Erstankömmlingen überhaupt nicht. Weshalb Friedrich den Neuen kurzerhand eine Stelle zum Ansiedeln schmackhaft macht, die eigentlich denkbar ungünstig ist.
Die Wittmers erweisen sich jedoch als zäh und schaffen es, gegen alle Widrigkeiten den Boden zu bewirtschaften. Leider widmet sich Ron Howard nur sporadisch dem Kraftaufwand, den das Leben auf Floreana den Aussteigern abverlangt. Wie viel Schweiß und harte Arbeit Heinz und Co. aufbringen müssen, wird nie ganz spürbar. Egal, wie sehr die erdigen, farblich entsättigten Bilder auch ein raues Naturgefühl erzeugen.
Wirtschaftliche Nöte, Kritik am Kapitalismus, das Erstarken rechtsextremer Kräfte und eine generelle Zivilisationsmüdigkeit - in der Geschichte stecken einige Themen, die heute, 90 Jahre später, nichts von ihrer Relevanz verloren haben. Oft ploppen sie allerdings bloß stichwortartig auf, um schnell wieder Platz für die nächste Stufe in der erwartbaren Eskalationsspirale zu machen. Schade, denn auch ein Hollywood-Film darf ruhig mal etwas tiefer bohren.
Ana de Armas spielt Karikatur
Dass dem Regisseur und seinem Drehbuchautor Noah Pink greller Krawall näher liegt als ein differenzierter Blick, zeigt vor allem die schillernde Figur der angeblichen Baroness Eloise Wehrborn de Wagner-Bosquet (Ana de Armas). Angelockt von den in Zeitungen veröffentlichten Aussteigerberichten Friedrich Ritters, hält sie mit ihren beiden Liebhabern (Toby Wallace und Felix Kammerer) und einem einheimischen Diener (Ignacio Gasparini) triumphierend Einzug auf Floreana. Ihr Ziel: Die Errichtung eines Luxushotels am Strand.
Ein bisschen scheint "Eden" über Eloise frauenfeindliche Strukturen und Denkmuster hinterfragen zu wollen. Die zaghaften Bemühungen konterkariert der Film aber, indem er die vermeintliche Adelige hemmungslos überzeichnet. Nach allem, was man hört, war sie tatsächlich eine exzentrische Persönlichkeit. Hier mutiert sie jedoch zu einer übermanipulativen Klischeeschurkin, die einem Cartoon entsprungen sein könnte. Ana de Armas' lustvolles Chargieren hat durchaus Unterhaltungswert. Ernst nehmen kann man Eloise allerdings keine Sekunde lang.
Ron Howard, dem der Ruf eines nicht sehr ambitionierten Regiehandwerkers anhaftet, unterlaufen in der Inszenierung keine groben Schnitzer. "Eden" hat mehrere spannende Passagen zu bieten, und die Darsteller liefern solide Arbeit ab. Aus der alles andere als gewöhnlichen True-Crime-Story hätte man aber sicher etwas mehr herausholen können als so einen konventionell gestrickten Survival-Thriller.