Michelle Barthel im Interview

"Es war befremdlich, Computer ohne Bildschirme zu sehen"

06.05.2021 von SWYRL/Franziska Wenzlick

In der ARD-Satire "Goldjungs" durfte Hauptdarstellerin und Grimme-Preisträgerin Michelle Barthel in die 70er-Jahre eintauchen. Weshalb ihr das trotz ihres jungen Alters nicht schwerfiel und welche deutsche Schauspielerin für sie die "Königin der Komödie" ist, erzählt die Schauspielerin im Interview.

Die "Goldjungs", das waren sechs junge Devisenhändler, die in den 70er-Jahren für den überaus lukrativen Eigenhandel der Kölner Herstatt-Bank zuständig waren - und 1974 durch Devisenspekulationen den damals größten Bankencrash der deutschen Nachkriegsgeschichte verursachten. "Goldjungs" lautet auch der Titel der von WDR und ARD Degeto produzierten Satire, die der Geschichte am Mittwoch, 5. Mai, um 20.15 Uhr, im Ersten, wieder neues Leben einhaucht. Im Mittelpunkt des anderthalbstündigen Spielfilms steht Ausnahmetalent und Grimme-Presiträgerin Michelle Barthel (27) in ihrer Rolle als reichlich naive Marie Breuer, die sich im zarten Alter von 20 Jahren plötzlich inmitten der wilden Welt der Spekulationsgeschäfte wiederfindet.

teleschau: Die Herstatt-Pleite liegt fast 50 Jahre zurück. Sie selbst wurden 1993 geboren. Wie war es, in die 70er-Jahre einzutauchen?

Michelle Barthel: Ehrlich gesagt waren die 70er-Jahre für mich gar nicht mal so unbekannt. Natürlich habe ich sie selbst nicht erlebt, aber mein Vater war Musiker, und wir hatten einen Musikkeller bei uns im Haus inklusive Schallplattensammlung der gesamten 70-er. Ich habe da sehr viel Atmosphäre mitbekommen und einen sehr guten Unterricht gehabt.

teleschau: War Ihnen das am Set eine Hilfe?

Barthel: Ich glaube, dass man über die Musik das Lebensgefühl der 70-er Jahre sehr gut nachempfinden kann. Deswegen habe ich mich gefreut, als in manchen Szenen plötzlich Led Zeppelin lief und ich den Text auswendig konnte. In eine Zeit einzutauchen, die man so nicht kennt, war wirklich spannend. Auch, weil ich mir immer wieder die Frage gestellt habe: Wie haben sich die Leute überhaupt organisieren können, ohne Internet und ohne Smartphones? Aus unserer heutigen Sicht ist das kaum noch vorstellbar.

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"Die Herstatt-Pleite ist in Köln immer noch sehr präsent"

teleschau: In welches Jahrzehnt dürfte dann die nächste "Zeitreise" gehen?

Barthel: Ich hatte tatsächlich während meiner Abitur-Zeit eine große Faszination für die 60-er. Ich war in einer Clique, in der wir uns zeitweise Haartollen gestylt und Petticoats angezogen haben und so in die Schule gegangen sind. Das ist ein Jahrzehnt, dessen Kunst und Musik mich fasziniert, weil das eine sehr lebensbejahende Zeit war - und auch aus politischer Sicht hochinteressant.

teleschau: Waren Sie vor dem Dreh mit der Geschichte der Herstatt-Pleite vertraut?

Barthel: Nein, aber wir haben uns bei der Vorbereitung viel Material dazu angeschaut. Es gibt einige sehr gute Dokumentationen, und auch heute noch kann man in Köln viele Menschen treffen, die tatsächlich jemanden kannten, der mit der Herstatt-Pleite zu tun hatte. Das ist in Köln immer noch sehr präsent, obwohl es schon so lange her ist.

teleschau: Gab es denn auch Szenen, die schwierig zu drehen waren?

Barthel: Herausfordernd waren die Szenen, in denen die Goldjungs den Handel betreiben. Sich da hineinzudenken, war ungewohnt. In Hinblick auf die Technik, die man heute hat, war es schon befremdlich, Computer zu sehen, die keine Bildschirme haben. Auch, dass das alles am Telefon stattfand und die Händler tatsächlich in Amerika angerufen haben, um Informationen durchzugeben, fand ich sehr interessant.

"Irgendwann habe ich verstanden: Die kochen auch alle nur mit Wasser!"

teleschau: Sie spielen den heimlichen Star des Films: die zunächst recht schüchterne Marie Breuer, die ihren Job als Sekretärin in der Herstatt-Bank antritt ...

Barthel: Ich fand es spannend, diesen Banken-Crash aus den Augen einer jungen Frau zu erzählen. Marie ist Anfang 20 und kommt aus einem wohlbehüteten, bescheidenen Zuhause. Ihre Mutter hat sie mit einer ordentlichen Portion Liebe und Bodenständigkeit ausgestattet. Plötzlich taucht sie in die Welt der Banker und der Macht und Gier ein. Eine Welt, die sehr von Männern dominiert ist und die ihr zunächst vollkommen fremd ist. Mir hat es gefallen, zu erzählen, wie Marie dann doch ihren Platz in dieser Welt findet und aus einer stillen Begeisterung heraus agiert. Sie geht ein enormes Risiko ein und kommt gerade noch mit einem blauen Auge davon.

teleschau: Von allen Figuren ist es Marie, die sich im Laufe des Films am meisten entwickelt ...

Barthel: Genau, das hat mich total angesprochen. Oft taucht man durch Zufall in eine völlig fremde Welt ein und hat plötzlich ein neues Bild von sich, das man vorher gar nicht kannte. Marie hätte vorher nie gedacht, irgendwann mal Geld zu investieren und ein so hohes Risiko einzugehen. Die Menschen um sie herum wirken plötzlich so eine hohe Faszination auf sie aus, dass sie das Gefühl hat: "Was die Jungs können, das kann ich auch."

teleschau: Gibt es Parallelen zwischen Ihnen und Marie?

Barthel: Als ich 15 war, habe ich Bass in einer Band gespielt. Ich war das einzige Mädchen. Ich bin damals recht schüchtern und kleinlaut in diese Gruppe gekommen und konnte mich mit der Zeit behaupten. Irgendwann habe ich verstanden: Die kochen auch alle nur mit Wasser! Daran hat mich Marie sehr oft erinnert.

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"Ich würde unfassbar gerne mal mit Anke Engelke drehen"

teleschau: Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Barthel: Ich wollte sehr detailliert verstehen und nachvollziehen können, welche einzelnen Punkte zu welchen Ereignissen der Krise geführt haben. Wir haben als gesamtes Ensemble oft miteinander über die Geschehnisse gesprochen und viel recherchiert. Außerdem habe ich mir ganz viele Dokumentationen über die 70er-Jahre angesehen. Ich wollte herausfinden, wie das damals aussah auf der Straße, was das für eine Zeit war, wie das wohl gerochen hat und was für ein Gefühl man damals hatte. Am Set war das dann leichter, weil die Kostüme und das Make-up einem Schauspieler einfach ungemein helfen.

teleschau: Haben Sie schauspielerische Vorbilder?

Barthel: Es gibt viele spannende Herangehensweisen, die man von seinen Kolleginnen und Kollegen lernen kann, deswegen bin ich immer neugierig. Es hat mich zum Beispiel riesig gefreut, mit Bettina Stucky zu drehen, die im Film meine Mutter spielt. Sie hat eine wahnsinnige Energie, und in den Szenen mit ihr musste ich mich oft sehr zusammenreißen, um nicht laut loszulachen, weil sie sie so großartig gespielt hat. Ich hatte allgemein ein wahnsinniges Glück, mit solchen Kollegen zu spielen. Das ist so ein Genuss und so eine Bereicherung, wenn man einen Stoff dreht, der so viel Spaß macht.

teleschau: Mit wem würden Sie denn gerne mal gemeinsam vor der Kamera stehen?

Barthel: Am liebsten würde ich gerne einfach "Goldjungs" Teil zwei drehen! (lacht) In der Art: "Nach der Krise"... Aber im Ernst, ich würde tatsächlich unfassbar gerne mal mit Anke Engelke drehen. Für mich ist sie die Königin der Komödie. Mit ihr arbeiten zu dürfen, das wäre auf jeden Fall ein großes Geschenk.

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