10.05.2026 von SWYRL/Jürgen Winzer
"You Can Win If You Want". Das - "Du kannst es schaffen, wenn du willst" - sangen einst Modern Talking. Wenn man nicht Acht gibt, kann es trotzdem schiefgehen. Das ist die Erkenntnis von Sänger Thomas Anders in einer neuen ARD-Doku über die Disco-Pop-Legende Boney M.
Thomas Anders, die singende Hälfte des Erfolgsduos Modern Talking, sagt es frei heraus: "Das ist unser, in Anführungszeichen, besch..ssenes Geschäft: Wer nicht aufpasst, wird im Grunde übers Ohr gehauen." Der Kontext, in dem die Aussage steht, ist allerdings nicht der von Modern Talking. Es geht um eine andere Pop-Legende: Boney M.
In der neuen ARD-Dokumentation "Boney M. - Disco. Macht. Legende." wird nämlich klar und auch klar gesagt: Die Regelung der Finanzen hielten Eingeweihte "über die ganze Zeit" für "nicht fair." Denn es profitierten nicht in erster Linie die von der Bühne bekannten Gesichter. Sondern der Mann, der im Hintergrund alle Fäden in der Hand hatte: Frank Farian.
Die Dokumentation von Oliver Schwehm bietet viel Interessantes, auch einiges Neue, wie bislang unveröffentlichte private Filmaufnahmen. Letztlich aber ist sie ein Abbild der Karriere von Boney M.: Zwar steht Boney M. im Titel, aber deutlich über die Hälfte der 89 Minuten handeln eigentlich von Farian. Aber das war und ist wohl das Schicksal derer, die als Boney M. auf den Bühnen der Welt tanzten und sangen. Wer kennt schon auf Anhieb die Namen der vier Mitglieder? Eben.
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Ein Skandalauftritt zündete die Karriere von Boney M.
Fake News? Die gibt's nicht erst seit Donald Trump. Als 1975 die erste Boney-M.-Platte ("Baby Do You Wanna Bump") erschien, gab es die Gruppe noch gar nicht. Die stellte Fran Farian erst mit der Hilfe einer Hannoveraner Künstleragentur zusammen, weil die Nummer unerwarteterweise in den Niederlanden zum Hit geworden war. So wurden Liz Mitchell, Marcia Barrett, Maizie Williams und Tanz-Derwisch Bobby Farrell zu Boney M. Liz in der Dokumentation: "Wir kannten uns vorher gar nicht, wir lernten uns unterwegs kennen."
Unterwegs, das bedeutet: Ab Spätsommer 1976 eroberten Boney M. die Welt. "Wir sind wohl die einzige Band, deren Musik heute in allen Winkeln der Erde gehört wird", sagt Liz, und sie hat recht. Es begann im "Musikladen" und mit einer weiteren Halbwahrheit: Als Moderatorin Uschi Nerke am 18. September 1976 die Gruppe Boney M. als "Nummer eins der deutschen Hitparade" mit "Daddy Cool" ankündigte, war das Wunschdenken. Zu dem Zeitpunkt verkaufte sich "Daddy Cool" noch schleppend.
Aber der "Musikladen"-Auftritt änderte alles, vielleicht auch, weil sich Bobby Farrell hechelnd um den Mikroständer wand und Maizie wie ein Jahr zuvor Donna Summer ("Love To Love You Baby") lasziv aufstöhnte. Deshalb gilt auch vielen Insidern Fernsehproduzent Michael "Mike" Leckebusch als der Mann, der die Karriere von Boney M. zündete, weil er der total unbekannten Band in seiner Show eine Chance gab.
Kurz darauf erfüllte sich Nerkes Prophezeiung und "Daddy Cool" war Nummer eins. Und Frank Farian hatte, wie Thomas Anders in der Doku meint, "die Druckmaschine" gefunden, "um mal eben die Scheine zu drucken". Bei 150 Millionen verkauften Tonträgern floss jede Menge Geld. Allerdings landete das wenigste davon in den Taschen der Bühnenperformer.
"Wir waren nur Körper. Sie machten Geschäfte mit unserer Arbeit."
Boney M. wurden immer unter Wert gehandelt. "Sie haben unsere Arbeit einfach ignoriert", meint Liz Mitchell. Denn die Kritiker sahen sie meist als "Plastikmusik" und in den Medien war von "schwarzen Marionetten im weißen Pop" und "dickem Geld für dünne Stimmen" die Rede. Dabei sagte Farian sogar selbst, dass Liz und Marcia "mega Stimmen" hatten - und sogar Bobby sang, allerdings nur live.
Gerade live aber feierten Boney M. Triumphe. Sie traten überall auf, von Holland bis Kuwait, von Singapur bis Mexiko. Und vor allem als erste West-Band in Russland. Sie hätten noch mehr Konzerte spielen können, durften aber nicht. Frank Farian war der Chef und er sagte: "Ich verdiene mein Geld mit Schallplatten, nicht mit Konzerten." Weggefährte Hans-Jörg Mayer: "Es wurde gepfiffen und dann hatten sie da zu sein." Liz sagt es anders: "Wir waren nur Körper. Sie machten Geschäfte mit unserer Arbeit. Als wären wir tot." Das Geld verdiente Farian, und sogar die Studiomusiker verdienten mehr als die Künstler. Und wurden auch auf den Plattencovern genannt - Liz & Co. nicht.
Es war eine für die Zeit typische Situation, meint in der Doku Precious Wilson, für die Farian den Hit "I Can't Stand The Rain" schuf: "Die Plattenfirmen und Produzenten wurden reich und die Künstler hatten oft zu kämpfen."
"Boney M. - Disco. Macht. Legende." läuft am Montag, 11. Mai, um 23.30 Uhr im Ersten und ist schon vorab in der ARD-Mediathek zu finden.



