NDR-Doku "Tagebuch einer Lehrerin"

Lehrerin filmt Brennpunktschul-Dramen mit Stirnkamera: "Manchmal echt hart hier"

03.04.2025 von SWYRL

Unterricht an einer Brennpunktschule aus der Sicht einer Lehrerin - und das im wahrsten Sinne des Wortes: Für ein TV-Experiment trug die Hauptschullehrerin Corinna Wolf-Bartens über Wochen eine Stirnkamera. Die Ergebnisse zeichnen ein Bild zwischen Optimismus, Überforderung und dem Ausloten der eigenen Grenzen.

Als Lehrerin an einer Brennpunktschule zu unterrichten, war bei Dr. Corinna Wolf-Bartens eigentlich nicht vorgesehen. Doch die Arbeit in der Forschung sei weniger familienfreundlich gewesen - und so entschied sich die 37-Jährige für einen Quereinstieg als Pädagogin.

"Man wird absolut ins kalte Wasser geworfen", erinnert sie sich im TV-Experiment "Tagebuch einer Lehrerin" (verfügbar in der ARD Mediathek) zurück. Fünf Wochen begleitete sie ein Filmteam des NDR. Doch größtenteils sind die Aufnahmen der Dokumentation von einer Stirnkamera gefilmt, die Wolf-Bartens während des Unterrichts trug.

Zwischen Knetherstellung in der sechsten Klasse, Verhütungsunterricht in der neunten Klasse und Sozialtraining reibt sich die Lehrerin auf. Trotz der hohen Belastung - Pausen hat sie tagsüber nur im Ausnahmefall - sagt Wolf-Bartens: "Mir war es vorher nicht klar, dass ich so gerne mit Jugendlichen arbeite." Doch es ist harte Arbeit, wie der 45-minütige Film eindrücklich einfängt. "Ihr verhaltet euch bitte wie normale Menschen", ermahnt sie etwa ihre Schülerinnen und Schüler, ehe der Unterricht überhaupt startet.

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Schüler fällt ihn Unterricht in Ohnmacht, Lehrerin gibt zu: "Ich war total erledigt"

An der Brennpunktschule kämpft Corinna Wolf-Bartens mal mit unmotivierten Schülerinnen und Schülern ("Willst du nachschreiben oder gleich die Sechs?"), mal mit den Grenzen ihres Einflusses. Als ihr bei einer Schülerin Schnittverletzungen auffallen, konsultiert sie die Sozialpädagogin. Die wiederum hält Rücksprache mit den Eltern. "Ohne diese Zusammenarbeit würde ich hier untergehen", erklärt Wolf-Bartens.

Sie habe nur "einen geringen Einblick in die Lebensrealität der Kinder", räumt sie ein. Bisweilen habe auch schon die Polizei eingeschaltet werden müssen. "Ist schon manchmal echt hart hier", erbittet sich die Lehrkraft unter Tränen eine Interviewpause.

Die Kameras sind auch dabei, als mitten im Unterricht wie aus heiterem Himmel ein Schüler in Ohnmacht fällt. Während Wolf-Bartens einen Mitschüler ins Sekretariat schickt, um Rettungskräfte zu alarmieren, redet sie selbst beruhigend auf den Betroffenen ein. Am Ende kommen alle mit einem Schrecken davon - inklusive der Lehrerin: "Das hat mich den ganzen Tag begleitet, ich war total erledigt."

"Ich muss sie zum Denken animieren. Das ist oft schwierig."

Ihren 20-minütigen Heimweg zu ihrer fünfköpfigen Familie empfinde sie als Pufferzone, "um runterzukommen", erklärt Corinna Wolf-Bartens: "Es fühlt sich oft an wie ein Wechsel zwischen zwei Welten." Daheim warten ihr Ehemann, der als Spätberufener Informatik studiert, und die drei gemeinsamen Kinder. Anders als ihre Schüler braucht Wolf-Bartens' Tochter, eine Sechstklässlerin im Gymnasium, kaum Hilfestellung. Nicht umsonst sinniert die Lehrerin über die Herausforderungen ihrer Schüler: "In meinem Leben gibt es diese Thematiken nicht."

Wie der Film von Laura Dalibard und Hannah Krüger zeigt, ist die 37-Jährige für ihre Schützlinge nicht nur Lehrerin. Neben der reinen Unterrichtstätigkeit bekommt sie private Dramen, etwa bröckelnde Beziehung in der ersten Liebe, hautnah mit. Und nicht selten ist die "Klassenmutti" ("Man vertraut den Schülern, man mag sie") auch psychologische Hilfe, etwa in puncto Selbstreflexion und im Kanalisieren von Gefühlen: "Ich muss sie zum Denken animieren. Das ist oft schwierig."

Lehrerin schleppt sich auch krank in die Schule, sonst "dreht meine Klasse durch"

Angesichts dieser großen Verantwortung kommt auch die über weite Strecken gelassene Klassenlehrerin einer sechsten Klasse immer wieder an ihre Grenzen. "Wenn ich das nicht mache, wer macht es dann?", wirft sie mit Blick auf den Lehrermangel ein. Dafür geht sie an den Rand der eigenen Belastbarkeit, selbst wenn sie gesundheitlich angeschlagen ist.

Schließlich weiß sie: "Wenn ich längere Zeit krank bin, dreht meine Klasse durch." Bleibt sie daheim, plagt sie das schlechte Gewissen ihren Kolleginnen und Kollegen gegenüber. Geht sie angeschlagen in die Schule, riskiert sie, Krankheiten zu verschleppen. Trotz dieses herausfordernden Alltages will sie weiter als Lehrerin arbeiten - zumindest "solange es die sehr guten Stunden noch gibt".

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