01.04.2025 von SWYRL/Eric Leimann
In "Das zweite Attentat" (Mittwoch, 9. April, 20.15 Uhr) verkörpert Noah Saavedra einen jungen Mann im Zeugenschutz, der zwischen die Linien der Geheimdienste gerät. Die fiktive Thrillerserie ist erzählerisch in einen wahren Skandal rund um falsche Gründe für den zweiten Irakkrieg eingebettet.
Noah Saavedra, Österreicher mit chilenischen Wurzeln, ist einer der charismatischsten Schauspieler seiner Generation. Der 34-jährige Wiener, entdeckt am Jugendtheater, machte jung Karriere in einem Biopic über den Maler Egon Schiele. Bald spielte er auch in deutschen gefeierten Produktionen wie "Lotte am Bauhaus" oder "Bad Banks". Saavedra lernte seinen Beruf an der berühmten Berliner Schauspielschule "Ernst Busch" und spielte zuletzt vier Jahre am Münchner Residenztheater. Nun will er sich wieder verstärkt der Arbeit vor der Kamera widmen. In der ARD-Serie "Das zweite Attentat" (Mittwoch, 9. April, 20.15 Uhr, Das Erste, ab 2. April in der ARD-Mediathek) spielt er einen jungen Fotografen in Athen, der nach dem Krebstod der Mutter von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Die ist zwar fiktiv, der politische Skandal hinter der Geschichte jedoch wahr.
teleschau: Wie nahe stehen Sie dem Agentengenre?
Noah Saavedra: Es ist für mich das erste Mal, dass ich damit zu tun habe. Ich empfinde es als sehr spannendes Genre, weil es so unrealistisch ist. Ich vermute, in der Realität ist die Tätigkeit des Agenten unfassbar langweilig. Jedenfalls die meiste Zeit. Nicht aufzufallen, scheint zentral zu sein diesem Job. Die Agenten in Filmen sind dagegen meistens "larger than life" - sie sind Helden. Als Schauspieler macht es Spaß, so etwas zu sein. Es ist ein bisschen wie ein Kinderspiel. Ich verkörpere in der Serie "Das zweite Attentat" aber keinen Agenten, sondern einen entwurzelten Typen aus einem Zeugenschutzprogramm. Ein großer Unterschied ...
teleschau: In der Tat. Sie spielen jemanden, der kaum Erinnerungen an seine Kindheit, also sein echtes Leben hat. Sie wollen nichts verstecken, sondern etwas finden!
Saavedra: Es ist verrückt, sich jemanden vorzustellen, der mit einer falschen Identität lebt und sich an seine echte - zum Teil altersbedingt - nicht erinnern kann. Man stelle sich vor: Du wirst gefragt, wo du herkommst und wie deine Kindheit war. Du kannst aber nichts dazu sagen. Entweder, weil du es nicht sagen darfst, aber auch deshalb, weil du traumatische Erlebnisse aus der Kindheit verdrängt hast.
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"Man kann alles behaupten - und kommt damit durch"
teleschau: Die Serie bettet diese fiktive Geschichte in einen wahren Skandal ein. Der falsche Informant "Curveball" erzählte dem BND damals Lügen über Massenvernichtungswaffen. Die USA benutzten seine ungeprüften Aussagen, um den zweiten Irakkrieg zu rechtfertigen ...
Saavedra: Soweit ich weiß, hat der "echte" Informant "Curveball" den Amerikanern falsche Dokumente über Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen auf fahrbarem Untersatz zukommen lassen. Die Amerikaner wiederum wussten immer um die Unechtheit dieser Dokumente. Sie kam ihnen sehr gelegen. Nur die Deutschen wurden angelogen. Um sie dazu zu bringen, in den Krieg mit einzusteigen. Die Lüge als politisches Mittel ist heute wieder sehr aktuell. Auch wenn es nicht mehr dieselbe Art der Lüge ist, denn heute scheint sie schamlos und ohne Konsequenzen zu sein. Man kann alles behaupten - und kommt damit durch.
teleschau: Und das war früher anders, glauben Sie?
Saavedra: Soweit ich mich erinnere, war es eine Sensation und ein Skandal, als die Wahrheit über erfundene Massenvernichtungswaffen zehn Jahre später rauskam. Heute ist es anders. Die schamlose Lüge ist ein alltägliches, allgegenwärtiges politisches Instrument geworden. Niemand wundert sich mehr darüber oder regt sich auf. Eigentlich bestürzend!
teleschau: Wie konnte sich die Lüge als - sagen wir - anerkanntes Mittel der Politik durchsetzen?
Saavedra: Das hat wohl viel mit Sozialen Medien und gespaltenen Gruppen in der Bevölkerung zu tun. Politiker sagen: Sofern nur 30 oder 40 Prozent, also vielleicht eine politische Mehrheit, eine Lüge glaubt, reicht mir das, um dieses oder jenes Ziel zu erreichen. Dann gibt es keine Lüge mehr, die zu absurd wäre. So wie jene von Trump, dass Migranten Katzen und Hunde essen, also die Haustiere anderer Leute.
"Nicht mehr sicher im von mir als das eigene empfundene Land"
teleschau: Leben wir auch in einem Zeitalter der Polemik?
Saavedra: Ja, ganz klar. Man braucht nicht nur nach Amerika oder anderswo hinzuschauen, um die Veränderung der politischen Sitten mitzubekommen. Auch ein Friedrich Merz nutzt polemische Sprache, um seine Ziele zu erreichen. Und natürlich auch viele andere Politiker in Deutschland oder Österreich.
teleschau: Sie sind Österreicher mit Wurzeln in Chile, leben nun aber schon länger in Deutschland. Wo fühlen Sie sich eigentlich zu Hause?
Saavedra: Das ist eine gute Frage. Offiziell lebe ich noch in München, wo ich etwa vier Jahre am Residenztheater gespielt habe. Diese Phase ist eigentlich vorbei. Im letzten Jahr habe ich vorwiegend aus Koffern gelebt und war viel unterwegs. Zum Drehen - und auch in Chile, wo ich auf den Spuren meiner dortigen Familie gewandert bin. Ich habe zwei Serien am Stück gedreht - das ist immer ein langer Zeitraum der Abwesenheit. Für "Das zweite Attentat" waren wir einen Monat in Griechenland, einen in Luxemburg und auch in Köln. Zuletzt lebte ich für ein anderes Projekt vier Monate in Antwerpen. Ich bin jetzt wieder in München, habe hier aber abseits vom Theater wenig Bezüge. Ich denke darüber nach, in eine andere Stadt zu ziehen. Vielleicht sogar in ein anderes Land.
teleschau: Ihr chilenischer Großvater ist vor Pinochets Militärregime nach Österreich geflohen. Wie sicher fühlen Sie sich heute in Österreich?
Saavedra: Sowohl in Deutschland als auch in Österreich, wenn ich mal da bin, fühle ich mich eigentlich sehr sicher. Wenn es aber nach manchen politischen Programmen einschlägiger Parteien ginge, wäre ich Kandidat für die sogenannte "Remigration". Was "Deportation" bedeutet, nicht mehr und nicht weniger. Dann wäre ich plötzlich nicht mehr sicher im von mir als das eigene empfundene Land.
"Ich genüge den Klischeevorstellungen des Willkommenseins"
teleschau: Und wie fühlen Sie sich da?
Saavedra: Ganz komisch, ein bisschen surreal. Weil ich eigentlich keine Angst habe, aber trotzdem glaube, dass Angst oder Sorgen berechtigt sein könnten. Ich gehöre ja zum privilegierten Teil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Einmal wegen meines Jobs als Schauspieler und dann natürlich wegen meines Aussehens ...
teleschau: Sie meinen, weil sie nicht besonders "ausländisch" aussehen?
Saavedra: Das Einzige, was mir zum klassischen Österreicher fehlt, sind vielleicht blonde Haare (lacht). Ansonsten genüge ich den Klischeevorstellungen des Willkommenseins. Ich bin groß, habe relativ helle Augen und helle Haut. Ich bin in Österreich geboren, habe die Österreichische Staatsbürgerschaft. Wenn man keiner Minderheit angehört, noch dazu keiner diskriminierten, ist es schwer nachvollziehbar, wie sich diese Menschen fühlen. Das müssen wir uns immer wieder klarmachen. Deshalb haben andere Menschen auch ganz andere, viel größere Ängste.
teleschau: Was ist der größte Unterschied zwischen einem Diskriminierten und Ihnen?
Saavedra: Dass ich so leben kann, wie ich leben will - und niemand in meinem Umfeld etwas dagegen hat oder es sanktioniert. Es ist ein Riesenunterschied, ob man frei lebt oder unter enormen Zwängen oder Ängsten. Der einzige Druck, den ich erlebe, ist der, dass ich in meinem Job als Schauspieler gut sein will. Ich will und muss mich da beweisen. Andere Menschen erleben jedoch Druck an allen Ecken und Enden ihrer Existenz. Das ist der große Unterschied ...
"Ich bin stolz drauf, in einem Sozialstaat groß geworden zu sein"
teleschau: Mit wem oder was fühlen Sie sich solidarisch?
Saavedra: Neben der Verbundenheit mit meiner Herkunft fühle ich mich fast noch solidarischer mit dem, was man das Proletariat nennt. Dass die Armen ständig ärmer und die Reichen immer reicher werden, ist für mich nicht hinnehmbar. Wir brauchen nicht noch mehr Milliardäre, sondern eine breitere Mittelschicht. Wir brauchen konkrete Sicherheit für viele. Ich bin stolz drauf, in einem Sozialstaat groß geworden zu sein.
teleschau: Wie meinen Sie das mit dem Stolz?
Saavedra: Über meine Familie in Chile weiß ich, dass der Staat dort nicht unterstützt. Deshalb muss man sich in der Familie untereinander helfen. Es ist wie ein Gesetz. Einerseits kann man sagen: Es ist eine schöne Sache, denn Familie heißt automatisch Zusammenhalt. Andererseits ist es natürlich ein Korsett, aus dem man schlecht ausscheren kann. Man kann seine Familie nicht hinter sich lassen. Selbst dann, wenn es eine schreckliche, dysfunktionale Familie wäre. In Europa wird uns das Arbeiten und Studieren überall erleichtert. Der Sozialstaat greift unter die Arme, wenn's mal nicht so läuft. Ein Vorteil, den man nicht hoch genug einschätzen kann. Das ist etwas Wunderbares.
teleschau: Populistische Parteien werden überraschend oft von armen Leuten gewählt. Warum eigentlich?
Saavedra: Das ist ziemlich verwunderlich, oder? Manche rechte Parteien lehnen den Sozialstaat in der Regel ab - oder sogar den Staat an sich. Wie großartig ist es, dass ich als Arbeiter oder jemand, der wenig verdient, einfach einen Arzt aufsuchen kann, der mich behandelt? Oder dass ich Krankengeld, Rente oder Arbeitslosengeld bekomme, wenn ich meinen Job verliere oder nicht mehr ausüben kann. Und trotzdem folgen so viele den Parolen jener, die das alles abschaffen wollen.
teleschau: Ja, warum nur?
Saavedra: Weil die emotionalen Botschaften faschistischer und populistischer Parteien eingängiger sind. Weil sie weniger Auseinandersetzung verlangen und für jemanden, der keine Zeit, keine Lust oder keine Kapazitäten für politisches Gerede hat, die leichtere Lösung ist. Populisten sprechen die Herzen an. Sie verschleiern aber, dass sie sich um die Bedürfnisse voller Geldtaschen mehr sorgen, als um das Gemeinwohl.