02.04.2025 von SWYRL/Maximilian Haase
Abermals starker Tobak für Franziska Hartmann alias "Katharina Tempel": Im dritten Film der nach ihr benannten Krimireihe muss die Kommissarin nicht nur einen Todesfall und eine Vergewaltigungsserie aufklären, sondern obendrein gegen ihren eigenen Ehemann ermitteln.
Vor fünf Jahren sah man Katharina Tempel erstmals im deutschen TV. Damals noch in der ZDF-Reihe "Helen Dorn", erhielt die von Franziska Hartmann gespielte Kommissarin 2022 ihren eigenen Primetime-Krimi. Bislang zwei sehenswerte Episoden konfrontierten die Zuschauer mit spannenden Fällen, vor allem aber mit den privaten Abgründen der Ermittlerin. Und die übertrafen die üblichen Klischees Trinksucht und Traurigkeit: Schließlich rutschte ihrem Ehemann bisweilen die Hand aus, was die sonst so taffe Kommissarin - und das Publikum - erstarren ließ. Im nunmehr dritten Fall der Krimireihe folgt trotz Paartherapie der nächste Schock: Die Hamburgerin muss in "Katharina Tempel - Was wir begehren" gegen ihren eigenen Gatten ermitteln - und nebenher eine Vergewaltigungsserie aufklären.
Die Welt ist klein im mitreißenden Krimi, der bei ARTE seine Premiere feiert: Katharina Tempel und ihr Chef Georg König (Stephan Szász) untersuchen einen vermeintlichen Suizid. Das Opfer, mit aufgeschnittenen Pulsadern aufgefunden, ist die jüngere Schwester der Paartherapeutin Marita Rubesch (Jessica McIntyre), bei der die Kommissarin und ihr Mann dessen Kontrollverlust besprechen. Während die Therapeutin mit ihrem Gatten (Golo Euler) trauert, führt die Spur zu einem Haus, in dem die traumatisierte Miriam Fehrmann (Julischka Eichel) gefunden wird. Kurz zuvor wurde sie von einem Maskierten vergewaltigt. War der Täter ihr gewalttätiger Freund, von dem sie sich gerade getrennt hatte? Die Kommissarin fühlt den Schmerz, auch wenn sie ihre eigene Lage oft abwiegelt ("Kleine Krise").
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Ermittlungen auf eigene Faust
Die Ermittlungen deuten auf eine Vergewaltigungsserie hin, die mit der Toten zusammenhängt. Miriam Fehrmanns Ex ("Scheiße ist die Welt!") wird zum Hauptverdächtigen, erhält aber ein Alibi - ausgerechnet von Volker Tempel (herausragend doppelgesichtig: Florian Stetter), mit dem er in einer Selbsthilfegruppe zur Aggressionsbewältigung war. Von nun an nimmt der Film nach einem Drehbuch von Elke Rössler richtig Fahrt auf. Nichts scheint sicher, alles ist zu hinterfragen. Und Katharina Tempel? Die ermittelt trotz Befangenheit natürlich - wir befinden uns ja in einer Krimireihe mit Thrilleranspruch - auf eigene Faust. Und zwar gegen ihren Ehemann.
Sie zeigt dem Opfer ein Foto ihres Mannes, sammelt heimlich DNA-Spuren von dessen Zahnbürste. Je mehr sie ihn konfroniert, desto tiefer verstrickt er sich in Widersprüche. Erschüttert schaut man dieser brillant in Szene gesetzen Beziehungs-Tortour zu. Die misstrauischen Blicke. Der Zweifel. Die Verlegenheit. Die Lügen, das Ungesagte. Dazu das laufende Beschwichtigen ("Nicht so ein Riesending"). Man versteht nicht, warum diese so starke Frau noch immer in einem Bett mit diesem Mann schläft. Doch anstelle eines mangelhaften Drehbuchs muss man dafür wohl die realen Verhältnisse bemühen: Frauen, die geschlagen und gedemütigt werden, brauchen oft lange, um den überfälligen Schritt der Trennung zu gehen.
Eine zerrissene Kommissarin
Wie schon in den ersten Filmen brilliert Franziska Hartmann als zerrissene Kommissarin, die zwischen Pflichtgefühl, Selbstschutz und Gerechtigkeit navigieren muss. Die schmerzhafte Ambivalenz, die sie dabei zeigt, lässt den Zuschauer bisweilen fassungslos mitfiebern. "Er tickt manchmal aus. Er hat Mühe, sich zu beherrschen", sagt sie an einer Stelle über ihre toxische Beziehung. Gefragt, warum sie ihn nicht anzeigt, antwortet die Ermittlerin unter Tränen: "Weil ich dann zugeben müsste, dass ich mich all die Jahre in ihm geirrt habe." Die ebenfalls gebeutelte Therapeutin bringt es auf den Punkt: "Wir neigen dazu, unbequeme Wahrheiten auszublenden" - eine bittere Erkenntnis, die hier herausragend in einen 90-Minüter übertragen wurde.
Dass das so gut funktioniert, ist in erster Linie den grandios gespielten Frauenfiguren zu verdanken, die wahrhaftige Empathie hervorrufen. Keine Selbstverständlichkeit für einen deutschen Krimi. Regisseur Jens Wischnewski, der bereits in der Grimmepreis-prämierten Miniserie "Neuland" (2022) mit Hartmann arbeitete, verleiht der ARTE/ZDF-Koproduktion eine beklemmende Intensität zwischen emotionalen Untiefen, brutalem Realismus und überraschenden Wendungen.
"Katharina Tempel - Was wir begehren" ist ein Krimi, der wahrlich unter die Haut geht. Weil er nicht nur einen komplexen Fall beleuchtet, sondern auch die Abgründe und Coping-Mechanismen einer Frau, die erkennen muss, dass ein geliebter Mensch ein ganz anderer zu sein scheint. Sofern sie dieses Thema und die persönlichen Verstrickungen ihrer Hauptfigur nicht überstrapaziert, dürfte sich die Reihe auch zukünftig von der Krimi-Masse abheben.