"Waren die 80er besser? Die Sehnsucht nach der guten alten Bundesrepublik"

"Alles Illusion": ARD-Doku zeigt, weshalb in den 80ern doch nicht "alles besser" war

27.02.2026 von SWYRL/Franziska Wenzlick

"Waren die 80er besser?", fragen die Macher einer ARD-Dokumentation - und liefern Antworten, die ganz und gar nicht ins Weltbild vieler Nostalgiker passen dürften. Immerhin: Es war nicht alles schlecht.

Die 80er-Jahre seien "eine ganz tolle Zeit gewesen", erklärt ein Passant dem rbb-"Kontraste"-Kamerateam. "Da war die Welt noch sehr in Ordnung." Andere Befragte sprechen von "gegenseitiger Achtung", von weniger Kriminalität. "Früher war alles besser" - davon sind auch zahlreiche Besucher eines Heino-Konzerts überzeugt, mit denen die Macher der ARD-Doku "Waren die 80er besser? Die Sehnsucht nach der guten alten Bundesrepublik" am Rande der Veranstaltung sprechen.

Einer Umfrage des Senders zufolge glauben 52 Prozent der Menschen, dass es hierzulande in den 80ern besser als heute war. Recht haben sie - aus objektiver Sicht - nur bedingt. "Wir hatten damals eine Arbeitslosigkeit, die wesentlich höher war", gibt etwa der frühere CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier zu bedenken. "Es gab auch damals schon Staatsverschuldung, es gab mehr Staus auf den Autobahnen und weniger gute Zugverbindungen, als es sie heute gibt."

Auch mit Blick auf den Lebensstandard hat die Gegenwart dem Film zufolge die Nase vorn. So verdiente ein westdeutscher Arbeitnehmer im Jahr 1984 umgerechnet durchschnittlich 12.000 Euro netto jährlich. In heutiger Kaufkraft entspricht dies etwa 25.610 Euro - deutlich weniger also als der heutige Durchschnittslohn in Höhe von 32.200 Euro. Das bedeutet auch: Um sich eine Waschmaschine leisten zu können, musste man im Jahr 1980 noch 72 Stunden arbeiten, heute sind es 17 Stunden. Wer einen Fernseher besitzen will, musste im Jahr 1980 noch 131 Stunden dafür ackern, während im Jahr 2026 im Schnitt ein 26-facher Stundenlohn ausreicht.

Abonniere doch jetzt unseren Newsletter.

Abonniere doch jetzt unseren Newsletter
Mit Anklicken des Anmeldebuttons willige ich ein, dass mir die teleschau GmbH den von mir ausgewählten Newsletter per E-Mail zusenden darf. Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und kann den Newsletter jederzeit kostenlos abbestellen.

Berechtigte Nostalgie? Psychologe stellt klar: "Alles Illusion!"

"Die Vorstellung, dass es damals so liebevoll und nett alles war, ist ganz schlicht falsch", ordnet Politologe und Psychologe Thomas Kliche die Ergebnisse der Recherchen ein. Gleichzeitig speise sich die Wehmütigkeit "natürlich aus dem Wunsch, sich an eine Zeit zurückzuerinnern, in der man geschlossen zusammengelebt hat, in der man nah, gemütlich in der Heimat verankert freundlich miteinander umgegangen ist, Verständnis füreinander hatte, zusammengehalten hat." Kliche stellt klar: "Alles Illusion."

Für Minderheiten etwa waren die 80er-Jahre kaum so rosig, wie mancher Nostalgiker sie in Erinnerung haben dürfte. "Innenpolitisch war es eine extrem konservative Zeit", erinnert sich Grünen-Politikerin Claudia Roth an Jahre, in denen "die klassischen Geschlechterrollen wie in Beton gemeißelt waren". Zudem sei die Politik "nicht repräsentativ" gewesen, betont die 70-Jährige: "Schauen Sie mal die Bilder an aus den 80er-Jahren, wie dieses Parlament zusammengesetzt war: Da konnte man die Frauen an zwei Händen abzählen."

Peter Altmaier: "Die Zeiten von früher sind noch nie wiedergekommen"

Und trotzdem: Einiges war eben doch besser. Die Einkommensungleichheit ist heute wesentlich höher. Zudem glauben 59 Prozent der vom Sender befragten Menschen, dass man sich in den 80er-Jahren wirtschaftlich leichter "etwas aufbauen" habe können. Dies bestätigt Ökonom Marcel Fratzscher. Ihm zufolge sei von der damaligen "Aufstiegsgesellschaft" kaum noch etwas übrig: "Heute hängt Ihre Fähigkeit als junger Mensch, einen guten Bildungsabschluss, eine gute Ausbildung, einen guten Job mit ordentlichem Einkommen zu bekommen, viel stärker vom Einkommen und der Bildung der Eltern ab als noch vor 40 Jahren."

Nicht ganz so klar ist die Lage mit Blick auf die innere Sicherheit, die so mancher Befragter als besonders hohes und inzwischen verschwundenes Gut der vergangenen Zeiten anpreist. So ist zwar die Zahl der Gewalttaten pro 100.000 Einwohner im Vergleich zum Jahr 1983 um fast 60 Prozent gestiegen - dies hänge Wissenschaftlern zufolge aber auch damit zusammen, dass die Taten heute eher zur Anzeige gebracht würden. Die Zahl der Tötungsdelikte ist in den vergangenen Jahrzehnten um 33,3 Prozent gesunken; im Bereich der Straßenkriminalität werden im Vergleich zu den 80ern nur noch etwa halb so viele Delikte erfasst.

"Die Zeiten von früher sind noch nie wiedergekommen", findet Peter Altmaier am Ende des Films treffende und zugleich tröstliche Worte: "Aber vielleicht hilft die Nostalgie und das Rückdenken an verflossene Zeiten ja auch, die Gegenwart erträglicher zu machen. Und irgendwann wird es vielleicht eine Nostalgie geben, die auf die 2020er-Jahre zurückblickt."

Zu sehen gibt es die Dokumentation "Waren die 80er besser? Die Sehnsucht nach der guten alten Bundesrepublik" in der ARD-Mediathek.

Das könnte dir auch gefallen


Trending auf SWYRL