31.01.2026 von SWYRL/Friederike Hilz
Beim "jungen" ARD- und ZDF-Netzwerk Funk startet das YouTube-Format "Cooked". In der ersten Folge blicken die Journalisten hinter die Kulissen der Bundeswehr und fragen: Wie viel Realität steckt in den Werbevideos der Armee in den sozialen Medien?
Abenteuer, Heldentum, Kameradschaft - das ist das Bild, das der TikTok-Account "Bundeswehr Karriere" vermitteln möchte. Mit "Schminktipps" zum richtigen Auftragen von Tarnfarbe, Survival-Tutorials und Bombenangriffen als Memes wirbt der Kanal für eine Karriere beim Bund.
Wer "Bock auf eine Herausforderung" habe, der solle sich bewerben, sagt ein Soldat in die Kamera. Aber wie viel haben diese Videos mit dem tatsächlichen Alltag bei der Bundeswehr zu tun? Das neue Reportage-Format "Cooked" will diese Frage in seiner ersten Folge "TikTok vs. Realität - So ist es bei der Bundeswehr" beantworten.
Einer, der beide Seiten kennt, ist David Matei. Er ist Offizier und macht in seiner Freizeit Videos zu seinem Beruf und dem politischen Weltgeschehen. Wie so manch anderer Soldat ist auch er zum Influencer geworden. Bei seiner Arbeit darf ihn das Funk-Team nicht begleiten. In seiner Freizeit kann er jedoch ein paar Fragen, die Zuschauerinnen und Zuschauer auf TikTok gestellt haben, beantworten. Eben das soll ein zentrales Element des neuen Formats werden, kratzt in der Auftakfolge jedoch nur an der Oberfläche.
Abonniere doch jetzt unseren Newsletter.
Offizier beantwortet Community-Fragen ausweichend
Matei bemüht sich, die Fragen souverän und mit einem kleinen Augenzwinkern zu beantworten. Doch konkret wird er kaum. Rechtsextremisten bei der Bundeswehr? Das seien Einzelfälle "und wir gehen knallhart dagegen vor". Schlechte Ausstattung der Kasernen? Er erzählt, wie lange er auf einen Schreibtisch habe warten müssen. Erst auf Nachfrage berichtet er von dem teilweise schlechten Zustand einiger Stuben - mehr auch nicht.
"Schämt ihr euch nicht, junge Leute in den Tod zu influencen?", fragt eine Person. "Digga, das ist wild", seufzt Matei und sagt dann in beinahe genervtem Ton: "Schau dir meine Videos an und stell die Frage dann noch mal." Ein anderer will wissen: "Warum macht ihr Werbung fürs Sterben?" Der Offizier antwortet klar: "Ich mache keine Werbung fürs Sterben. Ich informiere über den Dienst, den ich leiste." Er zeige die guten, aber auch unangenehme Seiten.
Lediglich, als ein Zuschauer fragt, was ihn bei seiner Arbeit psychisch am meisten belaste, muss Matei schlucken: Er habe einmal einer Mutter sagen müssen, dass ihr Sohn im Dienst gestorben ist: "Das schleppe ich halt so mit."
Bundeswehr "hat nicht viel mit Pfadfinderlager zu tun"
TikTok-Videos der Bundeswehr beschreibt Matei als "kurz" und "immer nur ein Abbild der Realität". Doch andere widersprechen ihm: Eine Soldatin bei einer NATO-Übung in Hamburg urteilt: "Auf TikTok, finde ich, wird viel, sage ich mal, nur gespielt. Irgendwelche Sachen inszeniert, die vielleicht gar nicht so existieren." Und auch der 19-jährige Rekrut Anton hat bei seiner Ausbildung schon gelernt: "Das hat nicht viel mit Pfadfinderlager zu tun."
Das merkt man schon am Ton seiner Ausbilder. Einer von ihnen erklärt schroff die Verwendung eines sogenannten Tourniquets, mit dem die Blutzufuhr im Bein abgeschnürt wird: "Der hat immer noch keine Schmerzen. Also ist es immer noch nicht zu, erst, wenn er jault." Da das Kamerateam von "Cooked" nur unter Aufsicht eines Offiziers der Pressestelle filmen darf, seien das wohl die Bilder, die die Bundeswehr von sich zeigen wolle, mutmaßt die Sprecherin.
Bundeswehr will "interessante Einzelaspekte" auf Social Media hervorheben
Der Bund selbst reagiert auf Anfragen der Journalistinnen und Journalisten zum Thema TikTok allgemein und ausweichend. In einer schriftlichen Antwort heißt es, man stelle "interessante Einzelaspekte" in den Videos besonders heraus, um die Zielgruppe anzusprechen. Wer über die Inhalte entscheidet, will die Bundeswehr nicht sagen: Man übermittle keine Informationen zu internen Abläufen.
Die Werbung für neue Rekruten, ob im Internet oder auf Plakaten, ließ sich der Bund zuletzt 66 Millionen Euro kosten. Im Gegensatz dazu stehen zahlreiche Berichte von Soldatinnen und Soldaten, die unter anderem von Mobbing, sexualisierter Gewalt oder rechtsextremen Kameraden berichten.
Mutter von verstorbenem Rekruten kritisiert: "Von der Bundeswehr kommen Ausflüchte, Ausreden"
Anna, eigentlich heißt die junge Frau anders, hat während ihrer Ausbildung in einem Sanitätsregiment Ähnliches erlebt. In der Reportage erzählt sie von Rassismus, von Schikane und von der Angst unter den Rekruten, sich krank zu melden, "weil man einfach nicht fertig gemacht werden möchte". Andere Soldatinnen und Soldaten aus Rennerod bestätigen das.
Bei den Stuben habe das Bild eines jungen Mannes gehangen, erinnert sich Anna. Der Auszubildende hieß Enes. Er ist 2023, im Alter von 17 Jahren, während seiner Zeit bei der Bundeswehr verstorben. Bereits im Vorfeld erzählte er seiner Mutter, dass sein Herz "komisch" schlage. Die Ärzte gingen wohl von einer Herzrhythmusstörung aus. Doch krankmelden wollte sich Enes nur "ungern", wie er selbst in einer Nachricht schrieb.
Sein Zustand verschlechterte sich allerdings immer weiter, bis ihn die Truppenärztin nach mehrmaligem Bitten mittags nach Hause schickte. Am Abend desselben Tages fand ihn sein jüngerer Bruder tot in seinem Schreibtischstuhl. Während ein Gutachten der Bundeswehr die Behandlung des Jungen als "fachlich, sachlich und zeitlich korrekt" einstufte, hielt ein unabhängiges Gutachten Behandlungsfehler für möglich.
"Ich habe am 18.7. einen vollkommen verzweifelten, ängstlichen und panischen, gebrochenen Jungen zurückgekriegt", erinnert sich Enes' Mutter mit zitternder Stimme. Den Umgang der Bundeswehr mit dem Tod ihres Sohnes kritisiert sie scharf: "Von der Bundeswehr kommen Ausflüchte, Ausreden, finanziell möchten sie Ausgleich leisten. Ich will von denen gar nichts. Ich wollte erklärt haben, warum."
"TikTok vs. Realität - So ist es bei der Bundeswehr" ist auf dem YouTube-Kanal "Cooked" zu sehen.



