05.01.2026 von SWYRL/Jens Szameit
Romy Schneider als frustrierte Ehefrau und Lino Ventura als Kommissar: Im Krimiklassiker "Das Verhör", den ARTE nun als Wiederholung zeigt, geht es um zeitlose Fragen nach Schuld und Moral.
Charakterkopf nennt man das wohl. Mit seiner großen, krummen Nase und diesen dunklen, irgendwie melancholischen Augen war Lino Ventura über viele Jahre eine Art Aushängeschild des französischen Unterhaltungskinos. Der gebürtige Italiener, der mit zehn Jahren nach Frankreich kam und sich eine Zeit lang als Catcher durchschlug, war auf die spröden, wortkargen Typen abonniert - vorzugsweise Gangster. Eine Tradition, mit der er in Claude Millers Kriminaldrama "Das Verhör" brach: Hier spielte Ventura einen Kommissar und hatte dank endloser Verhörsequenzen so viele Dialogzeilen wie kaum ein zweites Mal in seiner langen Karriere. Vier Césars gewann der Publikumserfolg aus dem Jahr 1981, den ARTE nun zur Primetime wiederholt.
Es ist die Silvesternacht, und es regnet in Strömen. Langsam bahnt sich die Kamera den Weg ins Innere des Polizeipräsidiums - ein Ort, den sie für die folgende Filmhandlung fast gar nicht mehr verlassen wird. Der angesehene Notar Maître Martinaud (Michel Serrault) wurde vorgeladen. Er soll bei Inspektor Gallien (Ventura) als Zeuge im Fall zweier vergewaltigter und ermordeter achtjähriger Mädchen aussagen.
Abonniere doch jetzt unseren Newsletter.
Romy Schneider als frustrierte Ehefrau
Doch dieser arrogante, selbstgefällige Snob reizt vor allem Galliens jüngeren Kollegen Belmont (Guy Marchand) bis aufs Blut. Mehr noch, er verwickelt sich in Widersprüche. Gallien, der seinen Gegenüber über Stunden in einen psychologischen Kleinkrieg verwickelt, ist überzeugt, nicht einen Zeugen, sondern den Täter vor sich zu haben. Als Martinauds frustrierte Ehefrau Chantal (Romy Schneider) ihrem Mann pädophile Neigungen unterstellt und überdies einen Tatbeweis liefert, knickt der entkräftet ein und gesteht - ehe der Fall noch einmal eine überraschende Wendung nimmt.
Regisseur Claude Miller lernte als junger Filmschaffender bei den Nouvelle-Vague-Koryphäen Jean-Luc Godard und François Truffaut. Doch in dieser verwickelten, hochdramatischen Psychostudie, die auf einem Kriminalroman des US-Autors John William Wainwright basiert, steht er den kammerspielartigen Suspense-Klassikern Alfred Hitchcocks viel näher. Zwischen den großartig aufgelegten Lino Ventura und Michel Serrault entfachte er eine kluge und intensive Nervenschlacht, die zuletzt die ambivalente Natur von Schuld und Moral offenlegt.
Am selben Abend, ab 00.05 Uhr, zeigt ARTE die Dokumentation "Lino Ventura - Ganove mit Herz", die Leben und Werk des beliebten Schauspielstars beleuchtet.



