Interview vor dem Start der EM

ZDF-Mann Jochen Breyer: "Deutschland hat ein weiteres Sommermärchen so nötig wie vielleicht niemals zuvor"

09.06.2024 von SWYRL/Eric Leimann

Am Freitag, 14. Juni, beginnt die Fußball-EM 2024 in Deutschland. Das ZDF überträgt das Eröffnungsspiel Deutschland gegen Schottland aus München. ZDF-Fußball-Anchorman Jochen Breyer (41) wird in den kommenden Wochen viel "Bildschirmzeit" erhalten. Wie denkt er selbst über Deutschland - und die EM?

Jochen Breyer war keine 30 und er sah noch jünger aus, als seine Bildschirmkarriere beim ZDF begann. Ab der Saison 2012/2013 war er sechs Jahre lang Moderator der Champions League zusammen mit dem Experten Oliver Kahn. Wer ist denn dieser begabte Milchbubi, wunderten sich damals einige, als beim Alte-Leute-Sender ZDF plötzlich ein sehr frisches Gesicht auftauchte. Zudem dieser Bursche mit Fachkenntnis und schnellen Gedanken aufwartete. Heute ist Jochen Breyer 41 Jahre alt und längst unbestrittener Fußball-Anchorman seines Senders. Am Freitag, 14. Juni, ("sportstudio live - Der Countdown, 19.25 Uhr, ZDF) übernimmt er mit seinen Experten Christoph Kramer und Per Mertesacker die Eröffnung der Fußball-EM 2024. Nach einer kurzen Eröffnungsfeier um 20.45 Uhr folgt um 21 Uhr das Spiel Deutschland gegen Schottland. Doch was denkt Breyer selbst über das Heimturnier? Kann die Euro 2024 so gut werden wie die legendäre WM 2006 hierzulande?

teleschau: Zum ersten Mal seit dem "Sommermärchen" 2006 findet wieder ein großes Fußball-Turnier in Deutschland statt. Sie waren damals 23 Jahre alt ...

Jochen Breyer: Und Student in den letzten Zügen. Ich hatte damals viel Zeit und habe in diesen vier Wochen nichts anderes gemacht, als Fußball zu schauen, im Biergarten zu sitzen, zu grillen und mit Freunden Bier zu trinken. Es war eine herausragend tolle Zeit!

teleschau: Das Sommermärchen hieß ja auch deshalb Sommermärchen, weil das Wetter sehr gut war. Es hört sich so an, als hätten Sie damals noch nicht als Journalist gearbeitet.

Breyer: Ich arbeitete damals als freier Mitarbeiter für den Bayerischen Rundfunk und die Süddeutsche Zeitung - aber nicht während der WM. Da habe ich meine Freizeit genossen und konnte das Turnier komplett einsaugen - diese wunderbare und einzigartige Stimmung während der vier Wochen. Wir waren damals ja alle überrascht, wie viel Leichtigkeit und Lockerheit wir als Deutsche draufhaben.

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"Der Wind kann sich im Fußball schnell drehen"

teleschau: Die Euphorie vor der WM 2006 war in Deutschland eher mittelmäßig ausgeprägt. Wie war es bei Ihnen?

Breyer: Ehrlich gesagt weiß ich nicht mehr, wie ich mich vor der WM 2006 gefühlt habe. Ich erinnere mich allerdings daran, dass die sportlichen Erwartungen ans deutsche Team nicht allzu groß waren. Kurz vor der WM wurde ein Testspiel gegen Italien mit 1:4 deutlich in den Sand gesetzt. Es wurde sogar diskutiert, ob Trainer Jürgen Klinsmann vor den Sportausschuss des Bundestages zitiert werden sollte (lacht). Klinsmann stand gefühlt kurz vor der Entlassung. Dann kam zum Glück alles anders.

teleschau: Was passiert nun im Sommer 2024? Welche EM-Pointe werden wir aus deutscher Sicht erleben?

Breyer: Ganz schwer zu prognostizieren, aber sportlich habe ich nach den letzten Länderspielen ein sehr gutes Gefühl.

teleschau: Zwischendurch gab es das desaströse Länderspiel-Doppel gegen die Türkei und Österreich. Danach aber Siege gegen starke Teams wie Frankreich und die Niederlande. Glauben nun doch wieder viele: Deutschland wird Europameister?

Breyer: Zumindest glauben nicht mehr so viele, dass das Turnier eine Katastrophe wird. Die Niederlage gegen Österreich in Wien habe ich vor Ort als Moderator begleitet. Das war sportlich und atmosphärisch ein Tiefpunkt. Heute wirkt es allerdings nicht, als sei das nur ein paar Monate her, sondern eher viele Jahre. Der Wind kann sich im Fußball schnell drehen.

"Wir erzählen aus der Nachsicht auf ein Spiel dessen Geschichte"

teleschau: Wie kam der Umschwung zustande?

Breyer: Ich glaube, den hat in der Tat das Trainerteam geschafft. Es wurden endlich mal mutige Entscheidungen getroffen, richtige Entscheidungen. Entscheidungen, die man wahrscheinlich schon früher hätte treffen müssen. Insofern waren die beiden Niederlagen gegen die Türkei und Österreich vielleicht sogar gut.

teleschau: Fußball wird den Zuschauern heute als kompliziertes Spiel verkauft. Taktikexperten und Analysen haben Hochkonjunktur. Wenn man sieht, wie schnell so ein Umschwung möglich ist - ist Fußball am Ende doch einfacher, als man es den Leuten verkauft?

Breyer: Zum Teil schon. Ich glaube, dass wir Faktoren wie Zufall oder Glück im Fußball unterschätzen. Oder auch die Tagesform. Wir schauen auf das Ergebnis, vielleicht auf ein paar Highlights und erzählen aus der Nachsicht auf ein Spiel dessen Geschichte. Wenn ich über solche Themen mit Experten wie Christoph Kramer rede, der ja noch aktiv auf hohem Niveau spielt, sagt er immer wieder: "Oft entscheidet der Zufall, wie so ein Spiel läuft." Ob der Ball vom Innenpfosten ins Tor abprallt oder wieder raus ins Spielfeld, kann die ganze Geschichte eines Fußballspiels verändern. Doch mit so etwas kommen wir Menschen schlecht zurecht. Wir wollen immer erklären können, warum die Dinge so oder eben anders gekommen sind.

teleschau: Viele Geschichte rund um große Turniere müssten neu geschrieben werden, wenn man dem Zufall einen höheren Stellenwert beimessen würde?

Breyer: Wahrscheinlich ja. Deutschland hätte 2014, als man in Brasilien Weltmeister wurde, im Achtelfinale gegen Algerien ausscheiden können. Vielleicht sogar ausscheiden müssen. Algerien war am Drücker, hatte Chancen über Chancen. Nur weil Manuel Neuer als Torwart eine übermenschliche Leistung zeigte und Deutschland Glück hatte, ging das Spiel nicht verloren. Zack - war man im Turnier und ist am Ende Weltmeister geworden. Ja - ich glaube, dass wir Journalisten und Experten Matchpläne und Taktik im Nachhinein teilweise überinterpretieren.

"Es könnte wieder eine Atmosphäre entstehen wie 2006"

teleschau: Und das verändert die Erinnerung an legendäre Spiele und Turniere?

Breyer: Ja, zugunsten größerer Narrative. Die WM 2014 war im Nachhinein grandios und alles an ihr richtig und gut entschieden - obwohl bei weitem nicht alles gut war. Andererseits erinnern wir alles rund um die WM in Katar 2022 als schlecht - obwohl es auch da Gutes gab. Das zweite Gruppenspiel gegen Spanien war beispielsweise ein wirklich guter Auftritt der Deutschen.

teleschau: 2006 errichtete Ihr Sender ZDF eine große WM-Arena am Potsdamer Platz in Berlin, wo es dann auch Sternstunden mit Jürgen Klopp und Schiedsrichter Urs Meier als Experten neuer Prägung gab. Welche Medien-Revolution wird diesmal passieren?

Breyer: Ich glaube, keine (lacht). Man macht nicht Dinge neu, nur um sie neu zu machen. Wir sind eigentlich sehr zufrieden, wie wir Fußballübertragungen derzeit umsetzen. Mit Christoph Kramer und Per Mertesacker haben wir zwei sehr gute und bewährte Experten. Dazu kommt ein neues weibliches Team bestehend aus Nationalspielerin Laura Freigang und Trainerin Friederike Kromp. Das EM-Studio wird wieder in Berlin sein, diesmal aber direkt beim ZDF "Unter den Linden" im Innenhof. Die Fanmeile ist nicht weit entfernt. Dass es ein öffentliches EM-Studio gibt, finde ich wichtig. In Berlin ist nicht nur das Endspiel, in der deutschen Hauptstadt und internationalen Metropole pocht auch das Herz dieser EM. Unsere Aufgabe wird auch sein, die gesellschaftliche Stimmung rund ums Turnier einzufangen. Dafür ist Berlin sicher ein guter Ort.

teleschau: Haben Sie ein Gefühl, was die Euro 2024 aus Deutschland machen könnte?

Breyer: Das ist schwer zu sagen. Ich finde aber, dass Deutschland ein weiteres Sommermärchen so nötig hat wie vielleicht niemals zuvor. Mit all der Schwermut und den Krisen, die gerade so herrschen. Mit den wirtschaftlichen Sorgen und dem Krieg. Dass wieder Leichtigkeit und Lockerheit einziehen, kann man natürlich nicht auf Knopfdruck bewirken. Aber wenn das Wetter und die Leistungen der Nationalelf stimmen, könnte wieder eine Atmosphäre entstehen wie 2006.

"Per, Chris und ich. Ein Glücksfall, dass wir uns in dieser Konstellation gefunden haben"

teleschau: Würden Sie sich wünschen, ein Turnier mal wieder wie 2006 nur als Fan schauen zu dürfen?

Breyer: Das ist eine interessante Frage. Ja, das würde ich tatsächlich gerne tun! Auch wenn ich natürlich ungern auf meinen Job, den ich total spannend finde, verzichten möchte (lacht). Aber es ist schon was anderes, ein Fußballspiel einfach nur zur Unterhaltung oder als Fan zu schauen. Wenn ich professionell ein Spiel sehe, denke ich ständig über etwas nach: Sollten wir diese Szene später besprechen, müssten wir jenen Taktik-Kniff des Trainers analysieren, und so weiter. Richtig abschalten und genießen - das geht leider selten.

teleschau: Das heißt, Sie können die Spiele gar nicht mit Freude ansehen?

Breyer: Doch, mit Freude schon, aber doch immer mit einer besonderen Konzentration. Mit Christian Streich habe ich neulich darüber nach unserer Sportstudio-Sendung gesprochen, als er sagte, dass er Fußballspiele gar nicht mehr genießen konnte, weil sie für ihn ausschließlich Arbeit unter Hochspannung bedeuteten. Und dass er sich in seiner Auszeit, die er jetzt nimmt, insbesondere darauf freut: Fußball mal wieder entspannt schauen zu können.

teleschau: Aber Sie können sich doch bei jenen Spielen entspannen, wenn die Kollegen der ARD oder anderer Sender ihre Übertragungstage haben?

Breyer: Ja, das stimmt. Diese Spiele schauen wir immer gemeinsam mit Chris Kramer und Per Mertesacker, und das hat dann tatsächlich wieder was von früher: einfach mit Freunden Fußball schauen.

teleschau: Man hätte nicht gedacht, dass sie an Ihren freien Tagen trotzdem mit den Experten zusammensitzen ...

Breyer: Doch, das ist so. Wir sind mittlerweile sehr gut befreundet, Per, Chris und ich. Ein großer Glücksfall, dass wir uns in dieser Konstellation gefunden haben. Auch abseits der Kamera macht es mit den beiden enorm viel Spaß. So gesehen wird's für mich definitiv ein lustiger Sommer.

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