29.08.2025 von SWYRL/Kai-Oliver Derks
Jan Stecker kommentiert bei RTL die Partien der neuen NFL-Saison, die am 5. September beginnt. Im Interview erinnert sich der 65-Jährige an die besonderen Momente seiner Karriere.
Dieser Mann weiß, wovon er spricht. Schließlich spielte Jan Stecker in den 80er- und 90er-Jahren selbst als Quarterback und als Tight End auf höchstem Niveau in Deutschland. Seit 1995 arbeitet er als Moderator im Fernsehen: Fußball, Rennsport, Darts, Boxen und vieles mehr. Doch von Anfang an war es der American Football, der ihn denn auch nie mehr losließ. Nach dem Debüt beim Sportsender DSF begleitete er rund ein Jahrzehnt mit "ran" bei ProSieben die NFL. 2023 ging er mit den Übertragungsrechten zu seinem neuen Arbeitgeber RTL. Nach einigen Personalwechseln kommentiert er in der neuen Saison nun jeweils die späte Sonntagabendpartie gemeinsam mit dem ehemaligen NFL-Spieler Kasim Edebali. 65 Jahre ist der zweifache Familienvater Jan Stecker Anfang dieses Jahres geworden. Zeit, sich an die vielen Sternstunden einer Karriere zu erinnern. An Brett Favre, Phil Taylor und Michael Jackson, aber auch an die weniger ruhmreichen Momente. Da war zum Beispiel die Sache mit Grace Jones ...
teleschau: Sie leben in Köln ...
Jan Stecker: Ja, jetzt wieder, nachdem ich 23 Jahre in München gewohnt habe. Das war naheliegend wegen meiner Tätigkeit für ProSieben. Aber irgendwann ist jeder Kölner eben wieder zu Hause.
teleschau: Im Studio sagen die meisten "Stecko" zu Ihnen. Gibt es eigentlich jemanden, der Sie Jan nennt?
Stecker: Zunächst mal: "Stecko" war eigentlich nie mein Spitzname. Der war "Stack" (gesprochen "Stäck", d. Red.), als ich noch selbst spielte. "Stecko" hat sich später bei ProSieben durchgesetzt. Inzwischen sprechen mich die meisten Football-Fans auf der Straße mit "Stecko" an.
teleschau: Ist ok für Sie?
Stecker: Absolut ok. Ausgesucht hätte ich mir aber immer ein cooles "Stack". Und weil Sie fragten: Jan oder noch deutlicher Jan Albert sagt eigentlich nur meine Frau zu mir, wenn sie sauer ist.
teleschau: Wo kommt denn der Zweitname Albert her?
Stecker: Als ich 1960 geboren wurde, durften die Pateneltern noch Namen aussuchen. Meine Patentante hatte einen holländischen Admiral geheiratet, der Jan Albert Sternberg hieß - und von ihm habe ich den Namen. Jan hieß damals übrigens noch kaum jemand in Deutschland.
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Die Legende, der Veteran ...
teleschau: 2025 feiern Sie ein kleines Jubiläum. Vor 30 Jahren übertrugen Sie im Fernsehen erstmals ein Football-Spiel. Wie kam es dazu?
Stecker: Ich war Stadionsprecher bei den Cologne Crocodiles und machte es offensichtlich nicht schlecht. Jedenfalls kam ein Freund und Konkurrent auf dem Quarterback-Posten der Nationalmannschaft zu mir, der mit den Nürnbergern zu Gast war. Er meinte, er kenne jemanden beim DSF und die würden dort Experten für Football suchen. Ich bewarb mich, und kurze Zeit später rief mich Michael Lang vom Sender an. Schon am Wochenende darauf übertrug ich als Experte mein erstes Spiel in der NFL Europe.
teleschau: Damals steckte der Sport hierzulande noch sehr in den Kinderschuhen. Vermutlich musste dem Publikum vieles noch erklärt werden.
Stecker: Klar, wir fingen damals schon immer wieder von vorne an. Trotzdem hatten wir großen Spaß zusammen. Ich erinnere mich gerne daran, wie ich mit Michael in dieser zwei mal drei Meter großen Butze im Studio saß - und von dort aus haben wir kommentiert.
teleschau: Es gibt heute niemanden, der im Fernsehen bei uns diesen Sport so lange begleitet wie Sie. Man liest wunderbare Bezeichnungen: "Legende" oder "Veteran" zum Beispiel. Wenn Sie es sich aussuchen könnten: Was soll über diesem Interview stehen?
Stecker: Nun, wenn ich es mir aussuchen kann, dann gerne "Elder Statesman des Footballs". Gegen "Legende" habe ich natürlich nichts, aber es erscheint mir dann doch einen Hauch übertrieben (lacht).
teleschau: Wenn Sie versuchen, es knackig zu formulieren: Warum sind Sie so sehr von American Football fasziniert?
Stecker: Ich kenne keine Sportart auf der Welt, die mehr in sich vereint. Da ist Kampfsport, da sind Tanz und Ballett, da ist Leichtathletik - eine ungeheure Athletik überhaupt. So viel zusammen in einer Sportart - das ist ohne Vergleich.
teleschau: Ist es für einen Kommentator wichtig, dass er selbst gespielt hat?
Stecker: Ich bin mir nicht sicher. Natürlich kann man kommentieren, ohne selbst aktiv gespielt zu haben. Aber wenn es darum geht, das Gefühl eines Quarterbacks weiterzugeben, der gerade eine Interception oder einen Touchdown geworfen hat, dann gelingt das meines Erachtens nach besser, wenn man es selbst erlebt hat. Umso wunderbarer finde ich es, dass wir bei RTL mit Markus Kuhn, Sebastian Vollmer und Kasim Edebali so viele ehemalige Aktive dabeihaben. Die haben alles erlebt - vom College bis zur NFL. Und das spürt man dann ja auch, wenn die Jungs bei einer Übertragung ab und an komplett ausrasten.
teleschau: Was bisweilen für den Zuschauer schon sehr laut wirkt. Begleitet von einer Sprache, die manchmal doch gewollt eher nach Straße als nach TV-Studio klingt ...
Stecker: Das mag sein. Aber ich für meinen Teil bemühe mich altersentsprechend zu kommentieren. Wobei sogar mir mal so ein "Alter" am Ende des Satzes rausrutscht. Meine Söhne machen mir aber bei dieser Sprachwahl unmissverständlich deutlich, dass ich das lassen soll. Ich sei schließlich selbst ein "Alter" ...
"Football schweißt so sehr zusammen, dass das ein Leben lang hält"
teleschau: Frank Buschmann ist schon eine Weile weg, zur neuen Saison geht nun auch Florian Schmidt-Sommerfeld. Es wird sich einiges neu ordnen müssen bei den NFL-Übertragungen von RTL. Sie kommentieren künftig mit Kasim Edebali.
Stecker: Ein sehr empathischer, sehr sympathischer Kerl, der viel NFL-Erfahrung hat. Klar, er ist noch neu als RTL-Experte bei uns. Aber ich weiß, dass er eine Menge weiterzugeben hat. Und ich mag ihn einfach total gerne. Wir haben schon die eine oder andere Sendung zusammen gemacht, es ist so eine Art Vater-Sohn-Beziehung. Und ich weiß sicher: Kasim liebt Football, Kasim ist Football.
teleschau: Spielt es eigentlich eine Rolle für diesen Sport, dass sich das Land, in dem die NFL ausgetragen wird, sehr verändert in diesen Zeiten?
Stecker: Ich glaube das nicht. Vor Kurzem habe ich meinen Sohn an der Oklahoma State University besucht. Und natürlich war zu spüren, dass sich etwas geändert hat in diesem Land. Aber die NFL gibt es ja schon seit vielen Jahrzehnten. Immer wieder gab es da mal politische Themen. Denken Sie an den Quarterback Colin Kaepernick, der sich hinkniete, um gegen Polizeigewalt und soziale Diskriminierung zu protestieren. Letzten Endes wird die NFL dafür sorgen, dass diese sehr außergewöhnliche Sportart die bleibt, die sie ist - egal, wer gerade Präsident ist.
teleschau: Wobei eben Football wie keine zweite Sportart für ein Amerika steht, wie wir uns das hier vorstellen. Mit Fliegerstaffeln, Flaggen, Hymnen, der Hand am Herz - Nationalstolz eben.
Stecker: Amerika ist, wie es ist. Dort hat eben in den ländlichen Gebieten fast jedes Haus eine Flagge vor der Tür hängen. Aber das Entscheidende ist dann eben doch das, was der Sport den Menschen vermittelt. Wenn du Football spielst, musst du dich so sehr wie meines Erachtens in keiner anderen Mannschaftssportart auf dein Team verlassen. Football schweißt so sehr zusammen, dass das ein Leben lang hält. Und dieses Gefühl überträgt sich auch auf die Tribüne.
teleschau: Sie selbst sind Fan der Green Bay Packers ... wie kam das?
Stecker: Ich fing 1980 an, Football zu spielen - erst bei den Red Barons Cologne und dann bei den Crocodiles. Letztere spielen in Gelb und Grün genau wie die Green Bay Packers. Wobei: Bevor ich selbst gespielt habe, war ich eher Anhänger der San Francisco 49ers. Ich war absoluter Joe-Montana-Fan. Aber dann begeisterten mich die Packers. Auch weil sie bis heute das einzige Team sind, das keinen Owner hat. Jeder, der dort wohnt, hat stattdessen so eine Bescheinigung daheim, die belegt, dass ihm ein Teil der Packers gehört. Toll.
teleschau: Sie waren ab und an also auch privat als Fan im Stadion.
Stecker: Aber ja. Ich erinnere mich, dass ich für das letzte Spiel des Quarterbacks Brett Favre am Freitag nach Amerika geflogen bin und am Montag wieder zurück. Und dann saß ich da bei minus 25 Grad auf einer Aluminiumbank im Stadion, nur um ihn noch einmal spielen zu sehen. Das vergesse ich nie. Die schwere Fan-Decke, die ich dort damals gekauft habe, habe ich heute noch.
teleschau: Bei Ihrem ersten NFL-Stadionbesuch sahen Sie dem Vernehmen nach Michael Jackson in der Halftime-Show.
Stecker: Das war der Super Bowl 1993: Buffalo Bills gegen Dallas Cowboys. Die Cowboys gewannen klar. Kein außergewöhnlicher Spielverlauf. Aber da war Michael Jackson. Meine Frau war mit dabei. Bis heute hat sie nicht viel Interesse am Football, aber diese Halftime-Show hat sie in ihrem Leben nie vergessen. Und ich auch nicht. Das war die beste Halftime-Show, die ich je gesehen habe.
"Dann packte er mich und küsste mich auf die Lippen"
teleschau: Sie haben in Ihrer Kommentatorengeschichte noch eine ganze Reihe anderer Sportarten begleitet. Darunter auch Darts, als es hierzulande noch nicht ganz so groß war wie heute.
Stecker: Oh ja. Bei den German Open führte ich vor vielen Jahren mal die Interviews auf der Bühne. Beim ersten Mal war auch Phil Taylor noch dabei.
teleschau: Der ehemalige Superstar dieses Sports mit 16 WM-Titeln ...
Stecker: Er hatte da seinen letzten großen offiziellen Auftritt in Deutschland. Ich fragte ihn, was er empfindet, wenn ihm fern von seiner englischen Heimat auch hier in Deutschland die Menschen in dieser Weise so frenetisch zujubeln. Er fragte mich, ob ich das wirklich, wirklich wissen wolle. Und ich antwortete: "Ja, klar." Dann packte er mich und küsste mich auf die Lippen. Zehn Sekunden lang. Dann schaute er mich an und meinte: "Genau so fühlt sich das an." ... Kann auch nicht jeder Moderator von sich sagen, mal mit Phil Taylor geknutscht zu haben.
teleschau: Gibt es irgendeine Sportart, die Ihnen heute fehlt? Die Sie gerne noch ein bisschen länger begleitet hätten?
Stecker: Ganz eindeutig: Boxen. Vier Jahre lang habe ich das bei Premiere gemacht. Und viermal im Jahr waren wir bei den großen Kampfabenden in Vegas. Ich durfte Mike Tyson kommentieren, Lennox Lewis, die Klitschkos - ich habe viele große Boxer kennengelernt. Es ist für mich, außer American Football, die geilste Sportart, die es gibt. Und die ehrlichste. Ich war damals unendlich traurig, als die Übertragungsrechte ans ZDF gingen.
teleschau: Gibt es einen Sportmoment, bei dem Sie ganz privat gerne dabei gewesen wären?
Stecker: Absolut. Ich wäre mit 14 Jahren wirklich gerne 1974 beim WM-Finale in München gewesen. Mein Vater hatte Karten besorgt für die Partie Deutschland gegen die DDR, wo wir auch waren. Ging für den Westen bekanntermaßen verloren das Spiel. Für mich waren Müller und Beckenbauer in jener Zeit ohne Frage die größten Helden. Deren Finale, deren Triumph - das hätte ich wirklich gerne im Stadion gesehen.
Die Sache mit Grace Jones
teleschau: Eine kleine Anekdote noch am Ende: Wissen Sie noch, was Sie am 3. März 1990 getan haben?
Stecker: Nein, tut mir leid.
teleschau: Es war ein Samstag. Sie waren nicht zu Hause, sondern schon damals in einem Fernsehstudio.
Stecker: Oh Gott ... Sie sprechen von "Wetten, dass..?"
teleschau: Ein wunderbarer Fernsehmoment. Bitte erzählen Sie die Geschichte!
Stecker: Ich war Teil einer Kölner Truppe mit dem Namen "Bewegungstheater Mobile". Die gibt es in veränderter Form übrigens immer noch. Das ZDF suchte für einen Auftritt Tänzer, Akrobaten, Turner und Jungs, die mit freiem Oberkörper einfach gut aussahen - so wie ich (lacht). Wir hatten eine Performance abzuliefern zu einem Live-Auftritt von Grace Jones, die ihren Song "Amado mio" präsentierte. Wir sollten, wurde uns gesagt, in typischen Sportlerpositionen dastehen.
teleschau: Sie waren der Diskuswerfer ...
Stecker: Mit den silber geschminkten Körpern sahen wir wirklich aus wie römische Statuen. Der Zuschauer wusste im ersten Moment, als er das sah, nicht, ob das nun Menschen oder Statuen sind. Es wurde uns aufgetragen, diese Haltung nicht aufzulösen bis zum vereinbarten Höhepunkt des Liedes. Erst dann durften wir uns bewegen.
teleschau: Hat nur so bedingt geklappt ...
Stecker: Bei der Probe lief ja noch alles super. Aber bei der Live-Sendung kam Grace Jones zu mir, legte ihren eiskalten Finger auf meine Brust und wanderte ganz langsam runter Richtung Lendenschurz. Und da habe ich eben doch mal kurz runtergeschaut und schnell wieder hoch. War leider voll zu sehen im Fernsehen vor Millionen von Zuschauern, weil ich riesig im Bild war. Ein fataler Fehler. Aber was hätte ich in dieser Situation denn auch machen sollen ...
teleschau: Ein Tipp für die Leserinnen und Leser daheim. Der Auftritt findet sich bei YouTube. Einfach "Grace Jones, Wetten dass" eingeben. Dann kurz vorspulen, eine Minute und 20 Sekunden.